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Augeschnittener Kuchen (Marmorkuchen) als Artikelbild zum zweiten Teil der Chroniken der Hauptschule

Die Chroniken der Hauptschule und der Verkauf von Kuchen 2/2

Life of Pie
(Vorsicht: In diesem Teil stirbt Dumbledore.)

„Ok, jemand muss den 6. Klässlern beim Kuchenverkauf helfen. Kniffeln oder Pokern?“ Mein Vorschlag, dass man es am fairsten ausrambolen könne, bleibt nicht unerhört. Dergestalt, dass ich – der undefinierbare Praktikant – ja sowieso nichts besseres zu tun hätte. „Aber ich bin Veganer und hasse Kuchen!“ Eine herbe Notlüge. Ich liebe Kuchen. Kuchen ist, was aus einem guten Tag einen sehr guten, aus einem angenehmen Kaffeeklatsch einen hinreißenden, aus einem klassischen Sex and the City Marathon einen legendären und aus einer Lan-Party, auf der alle außer mir Spaß haben, eine Lan-Party macht. Wer nicht liebhat, der kennt Kuchen nicht, denn Kuchen ist Liebe.

Das sind ja noch Kinder! Hauptschulklischees

Eine Woche ist seit meinem Blick in den menschlichen Abgrund vergangen, meine Pausen verbringe ich mit gefrusteten, alkohol- und tabaksüchtigen Ü40ern. Die langweilige Seite der Macht hat mich komplett gegeißelt, ich mache Kaffee, kopiere Arbeitszettel (noch nie mit Erfolg – ich bringe sie nach Isengart) und fertige Korrekturen von Klausurkorrekturen an. Und nun soll ich die Mini-Mongos auch noch dabei unterstützen am Tag der offenen Tür Kuchen für neue Springseile (die zeitweise wegen einer Reihe von Erdrosselungen aus dem „Pausen-Spaß“-Sortiment gestrichen wurden) zu verticken. Bei 6. Klässern könnte jetzt der eine oder andere denken: „Wie süß, das sind ja noch Kinder.“ Bullshit. Das sind Kinder, die sogar auf der Grundschule so verkackt haben, dass man sie in die unterstmögliche Bildungseinrichtung abschob. Da hat jeder einzelne schon mindestens zweimal jemanden mit einer Schere beworfen, insgesamt 0,5l Klebstoff getrunken und 11 Mitschüler Sand fressen lassen. „Wöwöwö, Jann Wattjes macht eine ganze Trilogie über Hauptschulklischees.“

Was ich an diesem Ort erleben sollte, ist sogar fernab von allem, was ein gesunder Mensch mit Schubladendenken überhaupt in seine Schublade quetschen könnte. Nach sinnvollen Umwegen am Kuchenstand angekommen, erahne ich das Elend, das mir blüht. Sieben, als Nutten verkleidete, Mädchen stehen in, was ich als „Mitten-im-Leben-Posen“ bezeichnen würde, vor verschiedenen Varianten von Hello-Kitty-Cupcakes. Eine Achte sitzt in der Ecke und weint.

Weil sie fett und scheiße ist wegen ihrem Kuchen vom Aldi

„Warum weint sie?“, frage ich die am verbrauchtesten Aussehende. „Sie ist fett und scheiße, sie soll nicht neben mir stehen, außerdem hat sie nur den Zitronenkuchen vom Aldi mitgebracht.“ „Mir obliegt eventuell keine Rezension dieses Sachverhalts, dennoch ergibt es sich als valide Theorie, dass du in horizontaler Oppositionierung zu ihr lediglich eine positivere Impression hinterlässt.“ „Alter, komm mir nicht mit Lateinländisch“, erwidert sie, ihren Kopf dabei hin- und herschwenkend als hätte sie Parkinson. Eine andere ergänzt, dieselben Symptome aufweisend: „Guck dich mal an, du Lauch, bist 30 und trägst ne Zahnspange!“ Mir egal, dass Kinder das Alter Erwachsener nicht abschätzen können, deswegen weinte ich auch nur eine gute Viertelstunde.

Die fette Prinzessin im Minirock hat sich derweil aufgerafft, eine rührende Rede zu halten: „Es ist mir egal, dass ich keine knochige Hure bin, oder nicht weiß, was der Psycho da gerade auf Klingonisch gesagt hat. Aber wir sind alle One Direction Fans und wir wollen alle neue Springseile haben, also let’s wok [Ich nehme an, es sollte „rock“ heißen, aber phonetisch lässt sich das in keinster Weise rechtfertigen]!“ „Bäm, Mädels! Das ist die Einstellung mit der man Kuchen verkauft!“, jubele ich aus gesunder Sicherheitsdistanz, die man als Motivator und Erfolgscoach einhalten sollte (20m).

Während die Miniatur-Prostituierten sich heulend in den Armen liegen und „What Makes You Beautiful“ summen, rauschen erste potentielle Kunden vorbei. Was wünsche ich mir meine Schule zurück, wo Herr Bischoff den Stand schon mit breitem Grinsen leer gekauft hätte. Aber hier war alles anders. Die Rebellenallianz, die in wenigen Monaten diese Schule infiltrieren würde, weil für sie nach 7 Jahren die fünfte Klasse erreicht war oder ein Verweis zuviel im Mehrfamilienpostkasten des Plattenbaus landete, findet Kuchen „voll schwul“. Hello-Kitty Cupcakes sind jetzt ehrlich gesagt auch nicht das maskulinste, was mir einfallen würde.

Asiweiber und Glitzerpapier

Die einzigen, die sich für den Stand interessieren, sind die Eltern der Mädchen, die aber trotzdem keinen Kuchen kaufen, sondern lediglich per Foto den Traum der Karriere im Einzelhandel festhalten wollen.

Keine Art des Marketings schien zu funktionieren. „5€ – All you can eat!“ scheiterte definitiv an der Sprache. Auch „jedes Stück Kuchen gibt einem Kind in Afrika ein zu Hause“ wurde nur mit respektvollem Nicken zur Kenntnis genommen. Bei „Mecces Muffins“ war kurz einer interessiert, dessen gesamte Familie arbeitete allerdings dort und konnte den Fehler nach eingängiger Recherche der Coupons aufdecken. „Wir sind Versager, wir werden niemals wieder Seilspringen können!“

„Nicht so schnell, Jabba, eine Idee habe ich noch.“ Aus der Ferne erspähen meine Elbenaugen (zumindest zeitlich) abschlussnähere Schüler. „Gebt mir etwas zu schreiben!“ Nachdem ich Smartphones aller Arten ablehnte und sich zumindest in der Tasche eines der Mädchen noch Bleistift und Glitzerpapier fanden, platzierte ich stolz und unauffällig ein Schild vor den, in zwei Minuten von ihren Müttern zubereiteten, Backwaren. Die Jungs kauften gleich den ganzen Stand, während Dumbledore mit dem Balrog in die Tiefen Morias stürtzte. Wir waren reich.

Resozialisierung

„Herr Wattjes, the Champions“-Chöre (ich fühlte mich noch nie in so behinderter Grammatik so geehrt) hallen über den Schulhof. Die Asiweiber würden mich bis zum Sportplatz tragen, brächen dabei nicht ihre Nägel. Das ist sie, meine Resozialisierung. Ich bin wieder einer von ihnen. Darth Waddels ist Geschichte, ich bin Jann Wattjes, der Weiße (denn das ist hier eine Rarität). Ich werde morgen meine erste eigene Unterrichtsstunde leiten. Nicht als Lehrer, sondern als Mensch. Meine Pausen verbringe ich statt im Lehrerzimmer in der Raucherecke der Sekundarstufe I. Dort bin ich ein gefeierter Mann: Chabos wissen wer Jann Wattjes ist.
Und wenn die Sith… ääh Lehrer keinen anderen Blöden zum Aufräumen gefunden haben, dann steht das Schild mit der Aufschrift „Haschkekse“ da noch heute…

To be continued…

Zum Teil I der Hauptschulchroniken

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  • Steph

    Eigentlich ja eine ganz nette Geschichte, aber ein“Lehramts-Praktikant“, der sich über die Grammatik von Hauptschülern lustig macht, dabei selbst die Komma-Regeln bis heute nicht verstanden hat, ist mal wieder ein Armutszeugnis der Gesellschaft.

    • Mari

      Was ist das denn für ein sinnfreier Kommentar?
      Ich denke nicht, dass Lehrer, der das ein oder andere Komma setzt oder eben nicht setzt, seine Berufung verfehlt hat oder – um es mit Ihren Worten zu sagen: „ein Armutszeugnis der Gesellschaft“ ist.
      Studiere selbst Lehramt und freu mich nach dieser Lektüre umso mehr! 😀

  • Cooke

    Geiles Ding, schreib mal ’n Buch! Liest sich gut 🙂



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