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Es geht auch ohne Handy! Nicht…

Eremit in der urbanen Wildnis – Ein Erlebnisbericht

Ich, gebürtiger Hamburger, jetzt in Kiel, präziser, nahezu in der Kieler Unibib, sesshaft, und meine Stippvisite in der alten Heimat, allerdings, da mein Smartphone vor kurzem seinen Dienst quittierte, mit einem altertümlich anmutendem Sony Ericsson.

Nun also geplant:

Freitag nach Hamburg, Fitness mit Freunden, Cappuccino mit einer Freundin, Besuch im Jugendzentrum, dessen erster und letzter BFDler ich war, wobei sie behaupten, ich wäre gut gewesen, mit Freunden treffen, feiern, bei einem jener schlafen, morgens wieder hoch, Kaffee mit einer Freundin, eine S-Bahnstation weiter, Latte Macchiato mit der anderen, dann die Mitfahrgelegenheit bekommen und heimfahren –  Zweistundentakt.

Soweit so gut, zu Beginn klappt alles einwandfrei, wenn auch sich hier und dort Verzögerungen einschleichen, vom Gerenne abgesehen noch human, das Handy läuft, SMS zumindest funktionieren, bis zum Jugendzentrum. Ein leuchtender roter Balken lächelt mich süffisant an – ich habe kein Ladegerät mit. Warum auch, mein 3210 läuft heute noch. Mir geht es prima, ich habe kein Whatsapp, wobei mir das bekannt ist. Jener Nachrichtendienst bittet mich seit einem Jahr, mir zu überlegen, ob ich es nicht doch kaufen wolle und gibt mir schließlich wieder einen Monat.

Mein Handy ist vorerst aus

Ich muss den Akku schonen – es gibt keinen, den ich erreichen müsste, die letzte Verabredung des Tages sitzt neben mir und lenkt den Wagen. Vor dem Club: Allgemeine Verkehrskontrolle. Das Prozedere zieht sich, ein Wachtmeister pult, dabei behauptend die Plakette sei lose, an der TÜV-Scheibe. Den Herrn Komissär in Ehren, er hat die Stimmung gekillt wie ein „Ich liebe dich“ beim Sex, in einer Freundschaft mit Vorzügen. Ab zu Maeckes, den Tag und das, dort erworbene, als Nahrungsmittel angepriesene, verdauen. Beziehungsgespräche, kluge Ratschläge und taschenpsychologische Weisheiten später, um halb 2 Uhr bei meinem Kumpel daheim.

Plan für Samstag:

zwei langjährige Freundinnen, 2 verschiedene Kaffees, Zweistundentakt. Beide wissen nur, dass ich in der Stadt bin und nicht, dass ich sie treffe. Handy an, SMS schreiben: „Hey, hast du morgen um“ – Handy aus, FUCK! Facebooknachricht über den PC des Kumpels, mittlerweile Samstagmorgen 2 Uhr, mit den Worten: „Hey, morgen 13 Uhr, ( bzw. 15 Uhr,) hier und dort, Kaffee, etwas Gedöns, antworte bitte sofort oder bis morgen um 12, alles Weitere erreicht mich nicht, Handy leer.“ Der 15 Uhr Termin antwortet sofort, alles klar.

Kurze Nachtruhe, Koffein- und Nikotinfrühstück, eine Runde zocken, die Telefonnummer meines Kumpels notiert, Pfennig für eine Telefonzelle, für Notfälle, zurecht gelegt und los. Inzwischen bekam mein Kumpel von der Dreizehnuhrdame die Nachricht, dass der Termin stehe, prima.

Von der Welt abgeschnitten

Mein Magen knurrt, ich trinke Cappuccino, rauche und hoffe inständig, dass, da bisher alles lief, mir das Glück weiterhin hold ist. Ich sehe seit Stunden auf mein Handy – Tot. Von der Welt abgeschnitten, nicht einmal die Uhrzeit zur Hand – ein Fremdling in der Welt.

Ich beginne, der guten Unterhaltung zum Trotz, des Telefons wegen, gestresst zu werden. 15 Uhr, (Madame wies mich darauf hin,) zweiter Termin, verehrteste verspätet sich, ich beginne zu grübeln: „Käme sie nicht, säße ich hier 2 Stunden fest, (Der letzte Treffpunkt ist zugleich mein Exfiltrationspunkt, Planung ist alles, hier startet meine Heimreise) die Zeit kann ich mir vertreiben, ich habe ein Buch (mit Seiten, ohne Ladekabel, Bluescreen, Papier und Zeichen, altbewährt).

Frau Kater kommt, endlich, berichtet, was geschah, weshalb sie an dieser Stelle sich jenes Namens verdient machte – viel Whiskey – Gespräche über alte Zeiten, wie es gehe, was das Leben bringe, immer die unweite Bahnhofsuhr im Blick, rauchen und, natürlich, wieder mal Kaffee, wieder mal: altbewährt! Ich bin Student, ich bin viel gewohnt, eine reine Balisto-Koffein-Ernährung allerdings ist Hardcore. Zeitdruck, fragen nach der Uhrzeit, Gedanken darum, was die Welt so mache, ob meine Eltern noch leben, oder überhaupt, die Erde nicht längst explodiert sei – schließlich bin ich auch von der Nachrichtenwelt abgeschottet.

Ohne Handy ist mir neu

Erwähnenswert wäre, dass ich nicht viel auf jenes gab, ich brauche eine Uhr, Musik, Nachrichten und Kontakt zu Kohlenstoff-basierten Lebensformen, mehr Nutzen birgt mein Smartphone für mich nicht.  Dennoch stresst es! 16:45 Uhr, 17 Uhr ist Abfahrt, meine ich oder meine ich mich zu erinnern, mit einer Frau, deren Namen ein Palindrom ist. Also zum vereinbarten Treffpunkt, Frau Kater leistet mir, beteuernd, dass es egal sei, wo sie ihren Namen hat oder kuriere, Gesellschaft. Autos kommen, Autos gehen, nun ja, fahren. Ich weiß: Frau Palindrom, 17 Uhr. Alles nicht mehr ganz im Kopf, das war schon seit Tagen geklärt.

Eines leichtsinnigen Irrens ähnlich klopfe ich an Autoscheiben in der Hoffnung, es sei die Gesuchte, beißende Ignoranz, alle haltenden Fahrer tippen auf ihren Fernsprechern. Ich bin nicht erreichbar, habe keine Telefonnummer, zweifle an meinem Verstand, an den Absprachen – war es doch 18 Uhr oder 16:30 Uhr? Sind Handys der Klebstoff der Welt? Menschen wünschen mir viel Glück, doch noch abgeholt zu werden. Mein Antlitz strahlt mir, verzerrt zu einem nahezu weinerlichen, stehengelassenen Hund, in den Autoscheiben entgegen. Das wird nichts mehr!

Zeit bestimmt alles

17:35 Uhr, ich beschließe mich zum Hauptbahnhof aufzumachen, wissend, dass ein Fernbus um 17:45, nach Kiel, den Pier verlässt. Das Portemonnaie sagt 14 Euro, Frau Palindrom wollte 6 für die Fahrt, das war einkalkuliert. 17:55 Uhr, Bus verpasst. Ich wusste nicht, dass es so viele Uhren in dieser Welt gibt, für Menschen ohne, dennoch zu wenig. Zeit bestimmt alles. Ich erfahre, dass ich, wenn ich den Bus um 19:15 Uhr noch für 6 Euro bekommen wolle, bis 18 Uhr gebucht haben muss – online? Guter Witz.

Ich renne über den ZOB, erreiche die Verkaufsschalten: Schweden, Polen, Paris, Bogotá, München, Berlin, Weißnichtwo … da: Hamburg – Kiel! Haste zu dem Mann mit dem osteuropäischen Akzent, fast schreiend: Kiel, nächster Bus, sofort, bitte! Die Uhr im Hintergrund schreit mich mit stetigem ticken an. Die Offenbarung: im Bus ist noch genau ein Platz. Der Haken: trotz 17:59 Uhr wird es teuer, 12,50 €.

Egal, gebongt, ich habe schließlich einen Koffeinschock für‘ s Leben, der Bären tötet, seit ich morgens losfuhr kein Wasser mehr in meiner Flasche und rauche wie ein Schlot. Habe ein schlechtes Gewissen, falls doch 18 Uhr vereinbart war, mir ist kalt, ich habe Hunger und will nur noch Heim! 1,50 €… Maeckes! Schließlich habe ich noch eine Stunde. Der Bus kam, fuhr 1,5 Stunden, vom kieler Hauptbahnhof den Linienbus genommen – Gott segne das Semesterticket!  Überspringe Treppenstufen, reiße die Tür auf: Zuhause! 21:44 Uhr, geplant war spätestens 19 Uhr. Schließe das Telefon an mein Ladegerät mit Wackelkontakt, finde den richtigen Winkel: es lädt!

Fazit

8 verpasste Kurznachrichten, einige entgangene Anrufe und die Information, dass Frau Palindrom früher Feierabend hatte und schließlich, da ich nicht erreichbar war, „leider ohne dich (also mich) fahren musste“, gegen 16 Uhr. Mir bleibt: ein Dreitagewachkoffeinspiegel und das Gefühl des ausgestoßenen, des Fremdsein, des Eremiten in der Wildnis des Urbanen.

Montag kaufe ich mir eine Armbanduhr!

Benni Simplicissimus

Photo Credit: B-natixcc

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