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Realschulchroniken

Die Realschulchroniken (1/3)

Jann Wattjes für die Welt.

In retro veritas. Bewährtes braucht die Welt.

Deshalb ist im nahen Osten wieder Krieg, in Afrika irgendeine Epidemie und der Hamburger Sportverein auf Platz 18. Popgrunge für Kinder (Tokio Hotel genannt) tönt wieder durch die Radios und sogar Ronald Schill ist wieder da! Und damit der erste deutsche Politiker, der beliebter aus Südamerika zurückkehrt.

Auch ich könnte ein Comeback vertragen. Nur 2% der Deutschen wissen, wer Jann Wattjes ist, aber immerhin 85%, dass diese Statistik totaler Entenrotz war. Aber wie stellt man sowas an? Mein Blog ist ausgelutscht, den lesen nur noch irgendwelche elitären Hipster mit „Scheiß auf Malte Blonn“-Aufdruck auf ihren Jutebeuteln (jetzt neu im Fanshop!). Der neue YouTube Channel wird auch floppen. Machen wir uns nichts vor, ich bin nicht so kreativ wie „Die Lochis“, so witzig wie „Y-Titti“ oder so unterhaltsam unästhetisch wie „DieAussenseiter“. „Man müsste etwas Bewährtes finden, was einfach zu reetablieren und doch unmittelbar erfolgreich sein könnte“, siniere ich und sinke in meinem eingestürtzten Bettgestell ins Reich der Träume…

Gutaussehende Leute haben immer Glück

Schweißgebadet erwache ich aus einem Traum über adlige Eissorten. Eines Tages komme ich euch auf die Schliche, Fürst Pückler und Ed von Schleck! Wie üblich bei wichtigen Angelegenheiten, fiel mir erst im Schutze des Halbschlafs ein, dass ich eine weitere Bewerbungsfrist für eines der vielen unnützen Praktika in der Laufbahn zum Amoklaufabfänger verstreichen ließ. Um knappe 4 Monate. Aber – man kennt das – gutaussehende Leute haben immer Glück. Alleine schon, weil Gott ihnen eine viel höhere Wertigkeit zuspricht.

Und deshalb blitzte auf der Internetseite des Kultusministeriums noch eine letzte Anschrift für eine Praktikumsschule im Kreis Paderborn auf: Die Bet365-Realschule in Burgalthaus. Der Name sowie der Fakt, dass man einfach zu jedem möglichen Tag anfangen durfte, irritierten mich schon kurz, aber es war in dem Moment auch einfach meine journalistische Pflicht, mich wieder der aristokratischen Eiskremverschwörung zu widmen.

Die „Schule“

Meine Irritation gewann in Britney-Tempo an Gewicht, als ich statt eines Schulgebäudes eine offensichtlich verwahrloste Bauruine an der angegebenen Adresse vorfand. Ich folgte einem abgemagerten Jungen, dem man abgeknibbelte Bücher auf den Rücken geschnürt hatte, hinter das Haus, in der Hoffnung, zur Schule zu gelangen, doch traf nur eine Gruppe hustender Kinder, die mit Blechdosen und alten Benzinkanistern spielten. „Hey, könnt ihr mir sagen, wo ich die Bet365-Realschule finde?“, schreckte ich das augenberungene Rudel auf. „WAS? Nusspli sponsort uns nicht mehr?! Was soll ich mir denn jetzt mittags auf die Cracker schmieren?“, krächzte ein Mädchen oder ungünstig frisierter Junge.

„Willst du wohl still sein, wenn Chris-Kevin in der Nähe ist? Du weißt genau, dass er um sein Gebäck mit den Enten im Park rangeln muss und nicht gediegen Cracker in sich reinstopfen kann!“, entgegnete ein Junge in Lumpen. „Sind Sie etwa ein Praktikant?“, fragte schließlich ein Torso, der anstelle von Gliedmaßen durchgesuppte Bandagen trug und die anderen Kinder aus einem räderlosen Bollerwagen beobachtete. Auch die mit Extremitäten gesegneten Kinder sahen mich nun mit funkelnden Augen an.

Irgendetwas lief hier gehörig falsch und ich merkte, wie ihre Armut auch mein Immunsystem angriff. Doch die zu große Angst vor noch einem Semester Bachelor verleitete mich zu einer knappen Bejahung. „Heute muss der schönste Tag sein, seit auf der Straße gegenüber der Pfandsammler umgeknickt ist!“, frohlockte ein asiatisches Mädchen, das nun auch den Torso aufrichtete, um einen besseren Blick auf mich werfen zu können. Ein kleiner Junge – nur mit einer zum Overall umfunktionierten Cordhose und einer Kuhglocke bekleidet – rannte an uns vorbei und signalisierte so den Beginn der ersten Stunde.

Meine Gelegenheit mich in der Blockhütte des Direktors einzufinden

Auf mein Klopfen wurde nur mit lautem Weinen reagiert. Aber das heißt in meiner Sprache ja nicht Nein. Es brauchte einen Moment, bis der kleine Mann mit der Rundbrille sich beruhigte, aber dann stellte er fest: „Sie… Sie sind ein Praktikant.“ Und dann erläuterte er aufgeregt, was für ein Segen ich in just jenem Moment für seine Schule war. „Sehen Sie, diese Schule nimmt nur Kinder aus dem benachbarten SOS Kinderdorf auf. Deshalb bekommen wir kein Schulgeld, sondern sind auf Spenden und Sponsoren angewiesen. Aber weil Armut in Afrika, Flutopfer im Osten, Kickstarter und WoW Privatserver interessantere Spendenziele darstellen, haben wir leider keine Möglichkeit, unsere Schule auf den nationalen Standard zu bringen. Seit im letzten Jahr unser brasilianischer Austauschschüler Gnorschp Jr verhungert ist, ist zudem ein Großteil unserer ehrenamtlichen Lehrkräfte abgesprungen.“

Der alte Mann klagte noch eine ganze Weile, was ich, ob der traurigen Nachricht, dass mit Gnorschp Jr nun die letzte, beim Publikum beliebte Person dieses Blogs von uns gegangen ist, ignorieren musste. „… und deshalb werden sie hier als Vollzeitlehrkraft arbeiten müssen. Welche Fächer beherrschen Sie denn?“, noch etwas unter Schock über die studentenvergasenden Silben „Vollzeit“, antwortete ich wahrheitsgemäß: „Naja, beherrschen tu ich alles.“, „Das ist sehr gut. Dann unterrichten sie die sechsten Klassen in Hauswirtschaft und Mathe, die Siebener in Sport und Politik, die Achten in Deutsch und Ausländisch, sowie die 9c in Verteidigung gegen die dunklen Künste. Ich kann immer nur betonen, wie sehr wir sie hier brauchen!“

Werther’s Original und Wiologie

Dieser letzte Satz sollte sich noch über alle Verhältnisse hinaus bewahrheiten, denn an dieser Schule entsprach überhaupt nichts irgendeinem Standard: Im Englischunterricht entfiel aus Kostengründen das Erlernen des Present Perfects und in „Die Leiden des jungen Werther“ ist bei jeder Gelegenheit Werbung für Werther’s Original vermerkt. Die Hälfte der Schülerschaft absolviert ihr Schulpraktikum bei Öfföff und in Physik werden sämtliche Werte in Stilb gemessen.

Biologie und Werken wurden derweil zur Symbiose Wiologie gekürzt. In der Abschlussklasse lässt sich dieses Fach wunderbar mit der Bring-dein-Haustier-mit-zur-Schule-Woche der 5. Klassen kombinieren: Gerupfte Hühnerflügel werden aus dem Resteeimer vom Hauswirtschaftsunterricht gefischt und an mitgebrachte Goldfische bis Schäferhunde gespaxt. Wessen Tierkreation den Flug aus dem dritten Stock überlebt, hat aufs Mindeste eine 2 sicher. Und welche Funktionen der Torsojunge im Sportunterricht übernimmt, ist selbst mir zu extrem, um es hier abzudrucken.

Es klingelt. Das heißt nicht nur, dass der Junge in der Cordhose wieder mit zwei Kilo massivem Metall um den Hals einmal um den Schulhof rennen muss, sondern auch, dass die, von der vorletztjährigen KiK-Collection uniformierte, Schülerschaft nun wieder Plastikburgen bauen darf. Aber, und da war ich mir sicher, ich könnte diesen Kindern helfen. Ihre Armut besiegen, wie einst Bono Aids besiegte und zu einem Märchen der Kondomindustrie machte. Und, weil mich mein Lehramtsstudium auf ausnahmslos alle Praxissituationen vorbereitete, wusste ich auch schon genau wie…

Fortpflanzung folgt.

… und zwar gleich hier: Teil 2 und Teil 3 zum gleich Weiterlesen. 🙂

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Über Jann Wattjes

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