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Kurzgeschichte „Kein Kinderspiel“

Kein Kinderspiel

Es rauschten Häuser und Bäume, Autos und Menschen an ihm vorbei. Die Zuggeschwindigkeit war immens, doch war alles noch zu erkennen; mal mit mehr Details, mal mit weniger Details.

Der Mann mit modernem Mantel saß da. Er saß im Zug und schaute raus. Er saß schon länger da und genoss es gedankenversunken rauszusehen. Eine Frau setzte sich neben ihn, sah ihn kurz an und merkte sofort, wie sehr der Mann in Gedanken war. Er guckte noch immer raus und bewegte sich kaum.

„Siiiiie?“, begann die Frau.

„Jaaaaa?“, antwortete der Mann in Gegenfragencharakter.

„Geht es Ihnen gut?“, fragte sie.

„Ja, warum fragen Sie?“, erwiderte er.

„Weil Sie so starr rausschauen. Da dachte ich, mit Ihnen wäre etwas.“, erklärte sie.

„Eigene Kinder können grausam sein.“, murmelte er plötzlich vor sich hin, in dem Wissen, dass die Frau es hören würde.

„Was haben Sie gesagt? Warum grausam?“, hinterfragte sie und schaute sich verwundert im Zug um.

Noch immer rauschte alles vorbei, denn der Zug fuhr. Er fuhr und fuhr.

„Weil sie sich verändern.“ Der Mann wirkte auf einmal ganz traurig und bestürzt.

„Wie meinen Sie das?“, wollte die Frau wissen.

„Sie kommen als Babys auf die Welt und sind lieb und unschuldig. Ab der Pubertät werden sie rabiat und tun, was sie wollen und entfernen sich von denen, die sich immer um sie gekümmert haben; nämlich den Eltern. Wenn sie dann arbeiten und aus dem Haus sind, lassen sie einen fallen, wie eine heiße Kartoffel.“, erläuterte er, „das ist der Lauf der Zeit, aber ein Unschöner und Unsozialer. Die Eltern alleine zu lassen, ist einfach nicht schön.Nein, nicht schön. Überhaupt nicht schön.“

„Das ist wirklich nicht schön und tut mir auch unheimlich leid für Sie und Ihre Frau.“, beteuerte die Frau und legte ihre Hand auf die Schulter des Mannes mit dem modernen Mantel. Jetzt spürte sie erst seinen Mantel und erkannte, dass er noch ganz neu war und sicher auch nicht billig gewesen war.

„Aber wissen Sie, was das Schlimmste an der Sache ist?“, fuhr der Mann fort.

„Nein. Was denn?“, fragte sie nach.

„Das Schlimmste ist, dass die eigenen Kinder, die einen zurücklassen, als hätte es einen nie gegeben, dann plötzlich wieder auftauchen, wenn sie etwas wollen. Dann lebt man für sie plötzlich wieder und machen einem dann aber noch mehr Kummer.“, beklagte der Mann und verzog sein Gesicht so, dass er zum Weinen ansetzte. Er schaute raus.

„So etwas ist wirklich gemein und egoistisch, ja. Sie armer Mann. Ihre arme Frau. Ich kann mir vorstellen, wie Sie sich fühlen müssen. Wirklich!“, redete ihm die Frau zu und legte erneut ihre Hand auf seine Schulter. Der Mantel war ganz weich und von gutem Material.

Der Mann schaute noch immer versunken raus und sprach, während er rausschaute: „Ich glaube, eine Aufgabe des Erwachsensein ist es, die Familie so zu nehmen, wie sie ist. Und genau das kann sehr unangenehm sein. Vor allem, wenn man so Kinder hat, wie ich. Sie sind zwar jetzt erwachsen und für sie existiere ich nicht mehr wirklich, aber trotzdem sind es meine Kinder. Ich habe sie aufgezogen, erzogen und dafür gesorgt, dass aus ihnen etwas wird. Zu würdigen wird das nicht im Geringsten gewusst.“

Nun wurde die Frau auch trauriger und legte noch einmal eine Hand auf die Schulter des Mannes. Der Mantel war gut verarbeitet und seine Nähte sind so gut zusammengefügt, dass sie nicht einmal bei einem Unfall kaputtgehen würden.

Auf einmal drehte sich der Mann vom Fenster weg und wendete langsam seinen Kopf, bis er bei der Frau angekommen war. „Können Sie sich das vorstellen, wie das ist?“, flüsterte er ihr leise zu. Sie schaute ihn an; ihr Blick war vertrauenswürdig und strahlte eine Wärme sondergleichen aus. Sie überlegte kurz, während sie zur Decke schaute und setzte dann zum Wort an: „Nein, das kenne ich nicht. Meine beiden Kinder sind tot. Seit 2 Jahre nun schon.“

Der Mann drehte sich langsam zurück zum Fenster, schaute erneut apathisch raus und war plötzlich froh, so Kinder zu haben, wie er sie hat.

 

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Über AKkstudent93

Andreas Kaufeld, 23, Student Köln (Latein, evangelische Theologie) Hobbies: Musik, Fernsehen, Italienisch, chillen, schreiben Das Schreiben macht Spaß, es macht sehr viel Spaß; manchmal macht es sogar so viel Spaß, dass man vergisst, wie spaßig etwas ist. Ich schreibe gerne über große und kleine Dinge des Alltags oder auch einfach etwas Kreatives, was mir beim Warten auf die Bahn oder bei einem Spaziergang oder einfach so einfällt; das gefällt dann sehr, es umzusetzen. Ich hoffe natürlich auch, dass es den Lesenden (also euch) gefällt :) .

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