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Bahnhof in der Uni

Bahnhof in der Uni

 

Man versteht Bahnhof. Manchmal versteht man einfach nur Bahnhof. Damit sind jetzt keine Bahnhöfe gemeint, wie man sie architektonisch kennt, in welche man in Züge steigt oder aus selbigen auszusteigen pflegt; kein Bahnhof, wie in Frankfurt oder Köln, wo man sich verläuft, wenn man das erste Mal da ist.

Nein, Bahnhof im Sinne von „man kapiert nichts“. Wer denkt, dass Schwebwespen das Schweben am besten drauf haben, hat noch nicht die Fragezeichen über den Köpfen der Studenten gesehen, wenn ein Prof in der Vorlesung seine gesamte Sprachgewalt unter Beweis stellt. Es sind viele Fragezeichen, die nach und nach zum einen zwar ineinander übergehen, aber auch permanent häufiger und größer werden; am Ende der Vorlesung könnte man sie, bezogen auf ihre Größe, vermutlich in Indonesien sehen.

Ok, man ist natürlich nicht nur während einer Vorlesung mit den sprachlichen Barrieren, die zwischen den Studenten und dem Prof liegen, konfrontiert. Auch beispielsweise in E-Mails oder bei der Rückgabe von Hausarbeiten und Ausarbeitungen, denen des Öfteren ein „schöner“ Zettel (oder zwei) beiliegt, wo die Arbeit bewertet wird. Das wird dann „Beilage“ genannt, wobei man dabei eher an Pommes oder Kartoffelecken denkt, die auf einem Teller  um ein Schnitzel oder Steak herumliegen. Dann muss man die ohnehin schwer verständliche Bewertung, die offenbar allergisch gegen Positives ist, auch noch mit unersättlichem Hunger lesen, der alleine bei dem Gedanken an Pommes kommt.

Ein weiteres Beispiel für verbale, kommunikative Qualen der Studenten ist das Lesen – und vor allen Dingen „Verstehen“ – von wissenschaftlicher Literatur. Es gibt zu jedem Thema (egal ob Geschichte, Pädagogik oder Theologie) immer Wissenschaftler, die sich mit Sachen beschäftigen und das dann verschriftlichen und entweder in Form eines Buches (größeres Übel?) oder in Form von Aufsätzen (kleineres Übel?) an den Mann bringen, oder an die Frau. Beim Lesen (beispielsweise bei der Vorbereitung auf eine Seminarstunde) macht sich Verzweiflung breit, je mehr man von dem Text liest. Sätze über vier oder fünf Zeilen kommen einem plötzlich vor wie Sätze, die sich wie Schlangen um einen herumschlängeln und erst dann zupacken, wenn man kraftlos und mit Erschöpfungserscheinungen daniederliegt; ein Biss könnte natürlich auch möglich sein.

Alle diese Dinge lassen Studenten gerne einmal, oder zweimal, oder dreimal, oder einfach immer Bahnhof verstehen, was also heißt: nichts. Weder die Fahrtrichtung noch die Fahrzeit ist einem mehr klar. Der Ort des Ziels schon gar nicht. Zudem fallen die meisten auf dem Weg, der ja EIGENTLICH das Ziel sein soll, durch die vielen versteckten Falltüren und landen in der Unterwelt, die sich erst kürzlich dazu entschieden hat, Geld in ein Gruselkabinett extra für Studenten zu investieren. Die Begründung ist dann „Die vom Bahnhof haben angebaut!“

Äußerst kompliziert sind die Gedankengänge, sowohl in einem Text als auch in der Vorlesung. In Texten stehen häufig kleine Wörtchen wie „denn“, „nämlich“ oder „deshalb“, wofür man also den vorigen Gedankengang verstehen muss, weil diese Wörtchen immer etwas Begründendes darstellen. Versteht man diesen nicht und liest dann weiter, macht es die Sache nicht besser. Sie sind gewissermaßen die Viren und Bakterien eines wissenschaftlichen Textes, die dazu führen, dass einem – wie bei einer Erkältung – etwas aus dem Kopf fließt; nur halt nichts aus der Nase, sondern die Geduld und die Motivation aus dem Kopf; da beißt die Maus einen Geduldsfaden ab.

Es gibt vorbildliche Dozenten und Profs, die sich der begrifflichen Notlage der Studenten durchaus bewusst sind und die dann eine Erklärung von unbekannten Begriffen und Aphorismen liefern; ob diese dann allen verständlich ist, steht wieder auf einem anderen durchlöcherten Blatt Papier.

Was für Begriffe oder kurze Sätzchen das zum Beispiel sein könnten, die die Drahtseile der Nerven aller Zuhörer rosten und zerbröseln lassen und nur noch einen Nervenfaden übrig lassen, soll im Folgenden mal veranschaulicht werden:

Pädagogik- und Psychologiestudenten werden das vielleicht kennen. Da steht ein Prof vorne und spricht auf unverständlichste Art und Weise (wobei man dann bei den Gehirnzellen auch von „waise“ sprechen kann) von einem „fundamentalen Attributionsfehler in Folge einer perzeptuellen Salienz“. Die Augen werden dann erst einmal relaxo-groß (Relaxo=das fette, verfressende Pokémon), der Schweiß tritt aus, man beginnt mit seinem Hintern auf dem eh viel zu platzbegrenzten Sitzplatz hin und her zu wackeln. „Was bitte?“ hört man von Vielen. Einige greifen verzweifelt zum Handy und erhoffen sich eine Antwort von Google. Schließlich wurde Google erst kürzlich zum Polizisten befördert, denn auch Google wird neuerdings „dein Freund und Helfer“ bezeichnet. „Gidf“, kann man da nur sagen.

Diesen Ausdruck müsste man zuerst in viele Einzelteile zerlegen, um ihn zu kapieren; am besten jedes Wort extra. Insgesamt soll es, soweit das Gedächtnis ausreicht, so etwas bedeuten wie, man lässt sich von einer Auffälligkeit (zum Beispiel eines Schülers, der schlafend auf dem Tisch liegt) so beeinflussen, dass man überhaupt nicht darüber nachdenkt, warum er das tut; ist es wirklich nur Desinteresse oder Protest gegen den Lehrer oder ist der Schüler vielleicht krank oder hat schwere private Probleme? Das heißt, die situativen Faktoren bleiben ausgeschaltet, worin wohl der wichtige Fehler liegt. Man merkt, dass man da intensiv Zeit investieren sollte, um diese Wörter in ihrem Zusammenhang deutlich zu machen. Macht ein Prof das nicht, bleiben die Studenten auf der Strecke, werden überfahren und erreichen den Bahnhof noch nicht einmal.

Genauso spannend wird es, wenn man eine Hausarbeit mit einem Bewertungsbogen zurückbekommt, auf dem merkwürdige Sachen stehen, wo sich sogar bei einem die Fußnägel kräuseln würden, der gar keine mehr hat. So ein Wort könnte sein: überborden. Damit ist nicht gemeint, dass jemand über Bord gegangen ist, auch wenn man sich das manchmal wünscht. Wenn ein Dozent schreibt, dass die Sprache überborden ist, denkt man erstmal daran, dass die Sprache so schlecht war, dass man sie auch genauso gut über Bord hätte werfen können. Oder man interpretiert sonst irgendetwas. In Wirklichkeit bedeutet eine überbordene Sprache, dass sie zu ausgeschmückt und über die Grenzen hinausgehend ist. Die Frage ist dabei wirklich: wer kennt dieses Wort? Kann man nicht einfach schreiben, dass die Sprache zu sehr über das hinausgeht, was sie sein sollte? Bevor man sich schon als Student deswegen graue Haare wachsen lässt und dann nach seinem Studium als senioraussehender Mensch den Beruf ergreift, sollte man sich lieber einfach denken: hey, das sind Dozenten und Professoren! Die müssen so schreiben, sonst werden sie nicht ernst genommen; wahrscheinlich sind die sogar gezwungen, so zu schreiben und tun einfach nur ihre Arbeit. Ein Gedanke, den sich auch viele einmal machen sollten, wenn sie von einer Politesse aufgeschrieben werden.

Auch wenn man es lieber ausblenden möchte, muss an dieser Stelle nochmal die wissenschaftliche Literatur, das Wespennest geschwollener und überzogener Sprache, in Blick genommen werden. Was meint ein Wissenschaftler, wenn er von Derivation spricht und wenn er meint, einen „Derivation-Streichelzoo“ in seinem Text eröffnen zu müssen, indem er es immer und immer wieder verwendet? Liest ein Student das Wort Derivation, so ist es sicher noch nicht sofort klar, weil es nun mal ein Wort ist, das… naja… mal überlegen: ach ja… unbekannt ist.  Erst beim Nachschlagen wird ersichtlich, dass Derivation eine Art und Weise für eine neue Wortbildung ist. Näher sollte man darauf auch nicht eingehen, weil es sonst wieder komplizierter wird. Oftmals darf man beim Lesen eines wissenschaftlichen Textes ein wissenschaftliches Lexikon bereit liegen haben, das der Wissenschaftler wahrscheinlich auch selbst verfasst hat; oder man schmeißt die Wörter in die virtuelle Suchmaschinen wie Google oder Yahoo (ok, Google ist besser), um sich Klarheit zu verschaffen, obwohl ohnehin die Frage ist, ob es bei Professoren/Wissenschaftlern – was ja ganz häufig dasselbe ist – im sprachlichen Gebrauch so etwas, wie „Klarheit“ oder „Normalität“ überhaupt gibt; vielleicht meint der Professor/Wissenschaftler das Wort auch wieder ganz anders, als es anderswo erklärt ist. Gerade Altphilologen und Philosophen scheinen eine Vorliebe dafür zu haben, Begriffe auch gänzlich neu zu erfinden. Auf Amors Pfeil stand dann wahrscheinlich: „I love Begriffe“ oder so etwas in der Art.

Man könnte jetzt noch weitere Dinge aufzählen, doch würde das den Rahmen im empfindlichsten sprengen. Man kann sich aber merken: Dozenten, Professoren/Wissenschaftler sind im sprachlichen Bereich fett im Geschäft, wie Reiner Calmund im Supermarkt oder Tine Wittler im Baumarkt. Teilweise sitzen sie auch auf hohem Ross, wie Wladimir Putin, mit hoffentlich obenrum was an.

Als Tipp kann man da geben: Iss eine Chilli und denk´ scharf nach. Sonst wird es schwer, durch den Dschungel verbaler Lianen und begrifflicher Sträucher zu gelangen bzw. den Bahnhof in der Uni zu entfernen.

 

 

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Über AKkstudent93

Andreas Kaufeld, 23, Student Köln (Latein, evangelische Theologie) Hobbies: Musik, Fernsehen, Italienisch, chillen, schreiben Das Schreiben macht Spaß, es macht sehr viel Spaß; manchmal macht es sogar so viel Spaß, dass man vergisst, wie spaßig etwas ist. Ich schreibe gerne über große und kleine Dinge des Alltags oder auch einfach etwas Kreatives, was mir beim Warten auf die Bahn oder bei einem Spaziergang oder einfach so einfällt; das gefällt dann sehr, es umzusetzen. Ich hoffe natürlich auch, dass es den Lesenden (also euch) gefällt :) .

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