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Und Dutschke weinte

Hat Kant wirklich noch einen impact auf uns? Welche Wurst lehnte Nietzsche ab? Was hat die 68er-Revolte eigentlich bewirkt? Was hat Adorno zu bemängeln? Und wie dreist bin ich, mich an diesen Mammutfiguren der Intellektuellen Szene zu versuchen?! Hier lest ihr einen philosophisch-politischen Text, der versucht Licht ins tiefste Dunkel meiner Besserwisser-Gedanken zu bringen.

 

Zu sagen, der Mensch sei ein Opfer seiner Biologie, ist grotesk. Oder dass er ein Sklave seiner Schaltkreise sei, wie es uns bspw. Disneys „Alles steht Kopf“ weiß machen will. Diese verquere Auffassung des determinierten Menschen fußt ironischerweise auch noch auf der Lehre des prägendsten  Verfechters des “freien, vernünftigen Menschen”. Alles begann mit Kant. Oder wie Nietzsche ihn nannte: Hanswurst. Dieser lehrte uns alle Europäer ‚Vernunft!‘. Aber Vernunft ist kein Befehl. Und dass wir heute unter dieser Masse an Nihilisten leben, folgt schlichtweg diesem Irrtum. Zu denken, wir könnten nicht anders als vernünftig sein, löscht jeglichen Keim der Vernunft aus. Uns wird befohlen vernünftig zu sein. Es wird diktiert, dass der Mensch von sich aus vernünftig ist. Das ist der Fehlschluss der liberalen Aufklärung.

Warum sind wir nun Nihilisten?! Weil wir glaubten und jetzt zu wissen meinen, dass wir zur Vernunft determiniert sind, begannen wir anzunehmen dass wir es längst wären. Aber wer denkt er sei etwas, hört auf etwas zu werden. Eine logische Denkaufgabe, die Francis Fukuyama nicht zu bewältigen wusste, als er 1992 „Das Ende der Geschichte“ und somit der Menschheit proklamierte. Fukuyama ging davon aus, dass der Mensch an sich alles erreicht hat: Vernunft, Technologie, Wissen, die liberale Demokratie. Es ginge nicht mehr besser. Doch heute in Zeiten der Kriege, des Zerfalls universaler Grundrechte, zeigt sich, dass er sich irrte. Er irrte nicht nur, sein Irrtum führte zum heutigen desolaten Zustand des Menschenbildes.

Das Ideal des an-sich vernünftigen Menschen, das Kant in Stein gemeißelt hat, unsere Universitäten predigen und welche die Werbewelt zu fördern weiss – denn ‚bewusste, sich bewusste, weltoffene und umweltbewusste Menschen unterstützen ihren lokalen Bio-Fleischer‘. Dass der lokale Bio-Fleischer, der alte Onkel Peter, aber  nach Feierabendschluss sich in seinem Keller in die gepflegte und gewartete SA-Uniform zwängt, stört nicht. Denn ‘wir sind vernünftig und liberal und jeder hat das recht auf Privatsphäre’. Ebenso prügeln uns die Wutbürger der PEGIDA und Konsorten ein, dass jeder das Recht auf Meinungsfreiheit hat. Das möchte ihnen auch keiner nehmen. Nur verstehen sie nicht, dass Meinungsfreiheit nicht Kritikfreiheit bedeutet.

Weil wir an der Vernunft folglich scheitern, wächst der Zweifel. Aber nicht an Kant, sondern an uns. Was wir für wahr halten entpuppt sich immerwährend aufs Neue als Lüge. Was ist einfacher als zu lügen? Eine Lüge zu glauben, sie zur Wahrheit zu erheben. Was ist also noch richtig und wichtig in einer Welt, die nichts weiter als ein Lügenkonstrukt zu sein scheint? Richtig, absolut garnichts. Und weil wir das glauben, sind wir sinnentfremdete Liebende auf der Suche nach der nächsten Charity-Aktion eines Großkonzerns- Ich meine dich, “Ben & Jerrys Kinonacht”. Wir stehen still und wissen nicht mehr wohin, weil wir denken, dass wir am Ziel sind. Wir verlernen den Blick für Wesentliches. Deswegen sprach ich vom alten Peter. Der alte Peter ist der Faschismus. Der alte Peter stört uns nicht. Der Faschismus stört uns auch nicht mehr: ‚Den haben wir 1945 vernichtet.‘ Doch Faschismus ist kein Zeitgeist, keine pädagogische Phase, die mal andauert und dann von selbst verschwindet. In den 1960er und 1970er Jahren wussten die Studenten um die Gefahr des Faschismus. Was hat das nun mit uns Studierenden zu tun? Einiges! Wir Studierende sind der politische Motor der zukünftigen Jahre. Wir sind freier als so manch andere Bevölkerungsgruppe. Wir sind weder die Kinder unserer Eltern, noch die Schüler der jetzigen Lehrbücher. Wir haben den Luxus uns noch für eine Zukunft entscheiden zu können, da wir noch nicht fest im Leben stehen. Wir müssen dieser Freiheit auch gerecht werden und Verantwortung übernehmen. Ich bin weiß Gott kein Anhänger der 68er-Revolte. Aus politischer Sicht war sie interessant, aber nicht befreiend. Ausnahmsweise bin ich da mit dem konservativen Intellektuellen Peter Sloterdijk, der sagte: “Alle Wege von 68 führen letzten Endes in den Supermarkt”. Die 68er haben viel zum heutigen Menschnelbild, speziell zum Selbstverstädnnis der Studierenden beigetragen. Ich sehne mich aber nicht nach Kommunen und freier Liebe, sondern nach politischer Teilnahme. Denn heute erhebt sich der Faschismus wieder, in Form von IS und nationalistischem Terror wie bspw. AfD, Pegida, NSU.

Bevor wir jedoch jetzt im Gleichschritt zur PARTEI-Hymne gen Dekanat marschieren, schauen wir uns die andere Seite der Medaille an. Schauen wir uns an, wie die 68er-Generation die Welt veränderte:

Die omnipräsenten Philantropen, die Ökokonsumenten und die ‚guten‘ Unternehmer a la Steve Jobs, Bill Gates und Marc Zuckerberg. Allesamt geistige Mitstreiter der 68er. Sie verbinden Unternehmertum mit hippieskem Gutmenschentum. Ihre Büros sind bunt, ihre Arbeitszeiten flexibel und ihr Ziel bleibt Profit.

Doch warum halten wir sie für gut? Weil sie reich sind und nett scheinen. Sie zeigen, dass die Welt doch nicht sinnleer sei und weisen uns den Weg in eine schönere Zukunft. Eine Zukunft ohne begrenztes Datenvolumen, Urheberrechten bzw Anspruch auf geistigen Besitz. Eine Welt in der jeder in seiner privaten Kommune stricken, memes liken und tindern kann wie er lustig ist, und alles online teilt. Eine Welt in der jeder, dank Breitbandverbindung, verbunden, doch letztlich für sich allein ist. Marc Zuckerberg und Co. verbessern die Welt nicht, sie machen sie vermeintlich erträglicher für uns Konsumenten und für sonst niemanden. Sie schaffen Menschen, die die bessere Welt online suchen, statt sie in der Wirklichkeit zu errichten.

Wir meinen das Internet verbinde uns Menschen weltweit und führe uns zu einem harmonischeren Beisammensein. Deswegen setzen wir uns so stark gegen Internetzensur ein, sympathisieren mit Anonymous, parallel dazu posten wir die Fotos der letzten Party auf Facebook oder durchforsten Instagram nach den neuesten Frisur- und Modetrends, suchen auf airbnb den günstigsten Urlaub im stabilsten Ostblockland oder druppen uns auf der wöchentlichen Goa die Birne zu und erklären zum Xten Mal Wildfremden wie schwer es als Scheidungskind ist etc.- kurz: wir erkennen, dass was faul ist mit der Welt, doch fallen Angesichts dieses Schreckens in hedonistische, wie auch nihilistische Ohnmacht. Hieraus profitieren nun Marc Zuckerberg, Starbucks und Co.. Sie wissen, dass wir unserer Menschlichkeit beraubt wurden und verkaufen uns das Produkt Emotion. Sie verkaufen uns vermeintliche Menschlichkeit. Vielleicht wissen sie nicht was sie anrichten und handeln aus reiner Naivität, wie auch Francis Fukuyama. Das macht die Lage aber nicht besser.

Fakt ist: wir sind am Arsch und fuchteln Hilfe ringend in alle Richtungen, wie eine trockengelegte Forelle. Hier ist der Knackpunkt, an den ich durch diesen langen Artikel zu kommen versuche: Marx erkannte seiner Zeit, dass “die Philosophen die Welt nur anders interpretierten, statt diese zu verändern”, worauf es wirklich ankäme. Doch heute sollten wir uns hüten dem schnellen Aktivismus a la Öko- und Sharebewegung zu folgen wie einst 68. Im Moment kommt es nämlich darauf an erst einmal zu interpretieren bzw. zu verstehen bevor wir handeln. Verstehen was schief gelaufen ist oder schief laufen sollte(?). Wir müssen den Kantschen Imperativ verwerfen und erst noch zur Vernunft gelangen, denn wir sind bei Weitem nicht aufgeklärt.

Oder wie der Kommilitone Dutschke es formulierte: „Revolution ist nicht ein kurzer Akt, wo mal irgendwas geschieht und dann ist alles anders. Revolution ist ein langer Prozess, wo der Mensch anders werden muss“.

Dass der Mensch anders werden muss, erkannte auch Philosoph und Soziologe Theodor W. Adorno. Seine Aufklärungskritik, formuliert in “Dialektik der Aufklärung”, ist für diesen Artikel maßgeblich verantwortlich.. So seht diesen Artikel nicht als Pamphlet oder Zerriss der Studentenkultur, sondern als Leseempfehlung.

 

Fotoquelle: https://pixabay.com/de/festival-hippies-gl%C3%BCcklich-hippie-1043512/

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Über Juditha Dordich

Ich würde mich ja Slam Poet nennen, wenn ich regelmäßig auf einer Bühne wäre. Ich würde mich ja Autor nennen, wenn ich regelmäßig veröffentlichen würde. Ich würde mich ja Student nennen, wenn ich regelmäßig die Universität besuchen würde. Könnte ich Barré spielen ohne eine Fingerschiene am nächsten Tag anlegen zu müssen, würde ich mich Musiker nennen. Ich nenne mich aber Juditha Dordich. Ich lese und schreibe und veröffentliche zu Themen wie Kultur, Wirtschaft, Popkultur, Gesellschaft, Ideologie, Philosophie, Subkultur,versteckt-marxistische Auffassung in Haftbefehls "Ich nehm dir alles weg", und mir wunderlich erscheinenden Phänomene des alltäglichen Lebens. Mein Name ist (unter anderem) Juditha Dordich. Ich bin gekommen, um zu bleiben.

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