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Mein erbärmliches Liebesleben

Über mein Liebesleben schreiben

Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals etwas in einem Blog verfasse und doch sitze ich hier um drei Uhr Morgens halbnackt am Laptop und schreibe diesen Text. Es ist das einzige, das mir eingefallen ist nachdem ich die Hoffnung auf Schlaf aufgegeben habe und das Schreien in mein Kopfkissen nichts mehr bringt. Kurz zu mir, ich bin 25, männlich, halbwegs vorzeigbar und Masterstudent.

Diese ganze Scheiße, die mich quält, nimmt ihren Anfang im Oktober letzten Jahres. Nach dem Bachelorabschluss in der Großstadt hat es mich wieder in Richtung Heimat verschlagen. Das Masterstudium in einer kleinen Stadt im Süden erschien mir interessant. So interessant, dass ich wieder bei meinen Eltern einzog, die unweit von hier Leben. Ich sah das ganze anfangs eher pragmatisch und konnte mir nicht vorstellen, dass sich das Studentenleben dort so sehr lohnen würde, um mir eine eigene Wohnung zu suchen. Also los geht’s, erster Tag, neue Leute, erst mal kennenlernen. Da war sie plötzlich und alles andere um sie herum verschwamm. Ich war fasziniert von ihr und konnte es nicht so recht wahrhaben am ersten Tag in diesem Kaff so jemandem zu begegnen.

Mein intaktes Liebesleben

Die Wochen vergingen und bedingt durch die überschaubare Teilnehmerzahl unseres Studiengangs hat sich schnell die Gruppe der Feierwütigen herauskristallisiert. Überrascht von dem (verhältnismäßig) regen Nachtleben, hab ich spontan wie ich bin also gleich mal ne Bude gemietet um näher am Geschehen zu sein… und näher bei ihr. Sie war immer dabei, hatte immer Lust auszugehen. Wir hassten dieselben Sachen, lachten über den selben Mist und dennoch kamen wir fürs erste nicht zusammen. Wir einigten uns auf Freundschaft aber irgenwie haute das nicht hin. Gegen Weihnachten haben wir uns öfter gestritten als unterhalten. Ich konnte und wollte meine Gefühle nicht verstecken, sie ihre nicht herzeigen.

Lange Rede kurzer Sinn, wir hatten im Januar dann doch unser erstes Date. Es klappte, plötzlich war alles so harmonisch und leicht, frisch verliebt halt. Wir gingen zusammen feiern, wir verbrachten Tage und Nächte damit uns Pizza und Pommes reinzuziehen und uns Castingshows anzusehen. Wir fuhren nächtelang ziellos mit dem Auto durch die Landschaft. Kurz gesagt: es war schön.

Einen Monat später, Erasmus, das Grauen aller Partnerschaften. Sie in ein Land, ich in ein anderes. Harte Zerreißprobe dachte ich mir, aber in all dem rosaroten Übermut versuchte ich uns Hoffnung zu machen. Also los ging es. Anfangs war alles super, wir telefonierten, schickten uns Fotos, Standard halt. Sie war zwar eifersüchtig, aber ich empfand das eher als süß, zumal ich ihr keinen Grund gegeben habe sich Gedanken zu machen. In meinem Wohnheim war es zwar voll von Studenten, die schienen aber alle nur zum Schlafen da zu sein. Umso erleichterter war ich dann, als ich eines Abends einer Gruppe „predrinker“ begegnet bin, unter ihnen meine Nachbarin. Sie war irgendwie immer da: als ich den Müll rausbrachte, als ich zur Tram lief, als ich zum Rauchen rausging. Wir unterhielten uns oft – und ja sie sieht gut aus – aber ich dachte mir nichts weiter denn ich war glücklich und das sollte so bleiben (zu ihr später mehr).

Mein nicht mehr ganz so intaktes Liebesleben

Nun denn, die Zeit verging und nach einem Monat war es Zeit sich zu besuchen. Also ab in den Flieger und einige Stunden später gab es dann das langersehnte Wiedersehen. Ich freute mich wahnsinnig, hatte aber Tage vor dem Flug schon bemerkt, dass etwas mit ihr nicht stimmt. Dem war auch so. Sie meinte ich wär nicht der selbe, war genervt. Ich sagte ihr sie sei abweisend, wir beide wollten uns unsere Veränderung aber nicht eingestehen. Nach Auf und Abs ging meine Woche vorbei, genau wie die Beziehung. Ich gab niemandem die Schuld, man hätte sich vielleicht einfach besser kennenlernen sollen bevor man so lange getrennt ist. Wir einigten uns auf Kontakt und auf ein mögliches Wiedersehen aber ich wusste beim Abflug schon, dass das nichts mehr wird. Ich wollte mir das ganze Emotionschaos, das wir noch ein paar Monate zuvor hatten nicht wieder antun.

Zurück an meinem Studienort hab ich also das gemacht, was manch einer aus schlechten Filmen kennt: getrunken und geschmollt. Aber ich war ja noch immer in Erasmus, also schnell eine mentale Ohrfeige verpasst und das Schmollen durch Feiern ersetzt. Nach einigen Eskapaden und flüchtigen Bekanntschaften hatten wir einen Trinkabend im Wohnheim und wer war dabei? Richtig, die mysteriöse Nachbarin. Wir hörten Musik, sangen zu den Liedern mit, rauchten und taten so als könnten wir Walzer tanzen. Irgendwann waren alle weg und nur wir beide übrig. Nun ja und weil Alkohol im Spiel war und wir uns gut verstanden… Nächster Morgen, ich schrieb ihr, wollte nicht, dass wir uns jetzt verschämt aus dem Weg gehen. Wir haben uns darauf geeinigt, dass der Alkohol schuld war. Trotzdem hat es sich mit ihr anders angefühlt, als mit den anderen. Einige Wochen später traf ich sie in der Studentenkneipe um die Ecke. Sie lud mich zu sich und ihrer Freundin ein und so egoistisch wie ich bin, habe ich meine Freunde sitzen lassen und mich zu den beiden gesetzt. Ich habe versucht mir nichts anmerken zu lassen, aber tief innerlich wollte ich unsere letzte Begegnung wiederholen. Je mehr die Zeit verging, zeigte sie mir deutlich, dass sie aufs selbe aus war. Und so kam es auch. Diesmal schob keiner mehr die Schuld auf den Alkohol. Wir trafen uns regelmäßig zum Rauchen auf dem Balkon und verbrachten dann die ganze Nacht damit zu reden und rumzumachen. So ging das dann bis es Zeit war Abschied zu nehmen. Mein letzter Tag. Vor der Abfahrt habe ich sie nochmal getroffen, in dem Arm genommen, geküsst. Es war nicht leicht aber ich versuchte das ganze als Sommercamp-Romanze abzustempeln und nach vorne zu blicken. Wieder daheim versank ich in einem Loch, das wahrscheinlich jeder kennt der nach einem Auslandssemester zurückkehrt.

Wir hielten anfangs noch Kontakt aber es war nicht das Selbe. Mit der Zeit wurde der Kontakt weniger und ich hatte mich endgültig damit abgefunden wieder allein zu sein. Als sie mir dann vor drei Wochen wieder schrieb war ich überrascht. Sie sagte sie vermisst mich und fragte wieso ich mich nicht mehr so oft melde. Ich fragte sie dasselbe und die Antwort war beiderseits, dass wir versucht haben, die Erfahrungen zu verdrängen. Na, das hat ja gut geklappt… wir schreiben seitdem wieder, schicken uns Snaps zu, die üblichen Spielchen. Und weil die Sehnsucht größer als der Verstand ist, haben wir also abgemacht uns wiederzusehen. Meine Reise steht schon fest, in zwei Tagen ist es soweit.

Aber es bleibt noch immer das mulmige Gefühl, was nach dem nächsten Abschied kommt. Wie wird das Wiedersehen? Ist die Magie noch da oder war das nur eine Frühlingsphantasie? Ich spüre, dass ich immer unsicherer werde und ich spüre das auch an ihr. Die Euphorie weicht der Besorgnis. Vielleicht haben wir uns mit dem Kontakt übernommen, vielleicht hätte das alles nach dem Auslandssemester zu Ende gehen und zu Ende bleiben sollen.

Das mag jetzt extrem dumm klingen, aber ich habe mich in meinem Leben noch nie so einsam gefühlt wie in diesem Moment.

Die Angst nach einem Wiedersehen erneut niedergeschlagen nach Hause zu kommen ist einfach noch spürbar und lässt mich nicht los. Ihr braucht mir nicht sagen, dass ich ein Weichei, ne Memme oder sonstwas bin, das weiß ich selber. Und könnte ich das Gefühlschaos, durch das ich seit fast einem Jahr durchlaufe, auch nur ansatzweise in Worte fassen, so würdet ihr mich verstehen.

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