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Wann ist die Festival-Kultur endlich tot?

Jedes Festival ever:

Ich bin eine anstrengende Mischung aus hungrig und randvoll, am notdürftig befestigten Bauzaun kotzt sich ein pummeliger Mann mit aufgeklebten Feenflügeln satt.

Die gleißende Mittagssonne Zentralafrikas hat im 5,50€-Papierzelt aus dem Sonderangebot meinen letzten Proviant, eine Tüte Haribo Happy Cola, zu einem milzähnlichen Klumpen verformt. Im Hintergrund spielt eine ortsansässige Blaskapelle Avril Lavigne. In Ermangelung an humoristischer Eigenleistung und Überschuss an Alkohol und Gras, was dann in der Mischung doch unbedingt illegal sein sollte, feiert das Publikum sie ähnlich exzessiv wie den Headliner, den ich nur von hässlichen Bandshirts kenne.

Leider schaffen die Bläser und Beblasenen es trotzdem nicht, die Endlosschleife der gesammelten Santiano-Diskographie, die ausgerechnet aus unserem Camp dröhnt, zu übertönen. Mittlerweile muss ich mir jede Minute neu zureden, dass ich nicht Teil eines Grabenkrieges oder der Hungerspiele bin, sondern auf einem Festival. Auf welches ich kleiner, dummer Schweinejesus mich auch noch gefreut hatte…

Meine musikalischen Erwartungen

Musik (ausgenommen jener fälschlich als ebensolche bezeichnete Zusammenschnitte aus Krach, die auf führenden Radiostationen und in Dorfdiskotheken laufen, jemanden mit dem Präfix DJ als Interpreten ausweisen, sowie noch mal ausdrücklich Linkin Park) ist etwas Großartiges. Live-Musik ist sogar etwas noch Großartigeres.

Da sämtliche tatsächlich von mir geschätzte Interpreten entweder tot, nicht mehr in Europa auf Tour oder fett, alt und egozentrisch geworden sind, nahm ich, um Derartiges auf meine alten Tage noch einmal erleben zu können, immense Abstriche in Kauf. Meine musikalische Erwartung an das „Rock an der brachliegenden Kuhle ohne Landstraßenanschluss“-Festival war mit zwei Songs, die ich aus dem gesamten Line-Up kannte, einen den ich davon mochte und einer Band, vor deren Auftritt ich abreiste, von der ich aber zumindest wusste, dass sie live Unterhaltungswert hatte, relativ hoch.

Meine sozialen Erwartungen

Die sozialen Erwartungen an das „Rock im netzfreien Grenzgebiet rund 100 Kilometer von Zivilisation und Pokéstops“-Festival war dagegen traditionsgemäß gering. Und doch schafften es auf mein Zelt fallende und urinierende 17-Jährige, sie genauso zu unterbieten wie der tätowierte Skinhead, der sich gerade mit einer Putzkraft auf Leben und Tod um ein schon zwei Tage in einer Pfütze liegendes Stück Pizza duelliert.

Vielleicht bin ich auch einfach mit falschen Erwartungen angereist. Vielleicht ist dieser Ort einfach die letzte Bastion der Alltagsflucht, des endlich mal daneben Benehmens, des im eigenen Erbrochenen Tanzens und mit Plastikkrokodilen Kopulierens.

Der Festival-Veteran

Peter, Staatsanwalt aus dem Nachbarcamp, z.B. ist Festival-Veteran. Er kämpfte für unser Land in Wacken, trägt am Arm mehrere stets mit ihm duschende Abzeichen und hat eine durch Pfeffi getriggerte Posttraumatische Belastungsstörung. Er hängt nun seit zwei Tagen und Nächten in seinem Campingstuhl, erfüllt von eigenen Körperflüssigkeiten und einer Geschlechtskrankheit, mit der er gleich am ersten Abend ausgezeichnet wurde.

Christoph, Bundespolizist, wurde bei der Marihuana-Variante von Flunkyball in unser Camp integriert. Er redet nun schon seit Stunden über die allgemeine Kater-Verstummung hinweg über Themen, die niemanden von uns jemals interessieren könnten und trinkt dabei gesammelte Restschlücke aus einem Plastikhorn.

Die Hälfte unserer Gruppe kommt soeben nach zweitägiger Abwesenheit zurück in unsere versiffte Müllhalde. Wo sie waren, wissen sie nicht. Wo man hier duschen kann, weiß niemand.

Felix, Grundschullehrer, hat sich dabei einen mysteriösen Ausschlag zugezogen, in den sich ein Sonnenbrand letzten Grades gebrannt hat, der immer im Wechsel eitert und blutet.

Wieso haben alle Spaß – außer mir?

Diese Menschen werden sich im Nachgang nicht etwa beklagen. Sie werden behaupten ein „geiles“ Wochenende gehabt zu haben und spätestens durch den gemeinsamen Verzehr von Mettbrötchen und Döner (der hier verdächtigerweise nur „Drehspießtasche“ heißt) Freundschaften über die Leidenszeit hinaus begründen.

Warum also bin ich – neben dem mittlerweile verhafteten Pizza-Skinhead – der einzige, der sich hier wie im nordkoreanischen Arbeitslager fühlt? Habe ich zu wenig getrunken? Definitiv nicht. Bin ich einfach zu alt? Vermutlich nicht, hier sind selbst die durchschnittlichen Pissspirtzpistolennutzer zehn Jahre älter als ich. Bin ich vielleicht einfach zu verbittert, empfinde keine Freude mehr im Leben und bin auch sonst nur durch ein Schlupfloch ins irdische Miteinander gelangt, um Zwietracht und Leid zu sähen? Ja okay, ein bisschen. Aber das ist nicht der Punkt!

Tomorrowlandisierung und Kommerzialisierung

Wahrscheinlich mit der Tomorrowlandisierung von Großkonzerten, aber spätestens mit der Kommerzialisierung von Wacken ist die alternative Musikkultur, in denen Musikfestivals ihren Ursprung haben, einer ekelerregenden Eventkultur gewichen. Unbekanntere Bands müssen zu Veranstaltern netter sein als es das Sexualstrafrecht für angemessen hielte, Eintrittskarten, plus Campingplatznutzung, plus, nur im Zeitfenster einer halben Stunde rückerstattbaren Müllpfand, sind fast so teuer wie ein Kinobesuch mit der Familie und die Fressbuden berechnen für die Salmonellen auch noch Aufpreis.

Konsumenten haben nicht mehr stolz „Rammstein live gesehen“, Konsumenten sind stolz „jedes Jahr auf Wacken“. Das Festival selbst ist jetzt der Grund für den Besuch, die Möglichkeit, sich gesellschaftlich akzeptiert (wenn auch nicht von dem älteren Ehepaar, das sich seit Tagen von außen das Campinggelände wie ein Zoogehege ansieht) für Mondpreise daneben zu benehmen. Jedes Pappschild, jedes noch so unkreative T-Shirt ist extrem lustig, die Person, die nach vier Tagen ohne waschen, Zähne putzen oder nach dem urinieren schütteln, am meisten stinkt, bekommt einen Adelstitel, die Zahl der nicht vollends freiwilligen Entjungferungen zollen selbst der katholischen Kirche Respekt ab.

Riesenrespekt vor allen Bands, die wegen Spotify und Labelkultur nur noch an Live-Auftritten verdienen und diese Veranstaltungen über sich ergehen lassen müssen (und natürlich Riesenrespekt vor unseren Veteranen, die für unsere Freiheit Gliedmaßen verloren und Wodka-E aus Eimern getrunken haben).

Aber ich kann niemanden Ernst nehmen, der seine Festival-Armbänder wie Orden trägt und es immer noch witzig findet, „Helga“ zu rufen. Weil das originell selbsternannte „Team Braut“ ständig vergisst, das Lagerfeuer zu löschen, werde ich hier im Flächenbrand des „Rock in der Steppe ohne Ortsfeuerwehr“ verenden. Aber das ist okay. Dann muss ich immerhin nie wieder Meiern oder Ravioli mit den Händen essen…

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