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Information: Die allwissende Dame

Zu viel Information – aus dem Alltag einer Informations-Dame

Nebenjob. Ein grauenvolles Wort. Im Duden steht, ein Nebenjob ist eine Tätigkeit, die jemand neben seiner eigentlichen Tätigkeit (in meinem Fall dem Studium) ausübt. Es suggeriert irgendwie, dass die Arbeit so ‚neben dem Studium herlaufen‘ wird und alle, die schon mal versucht haben, neben dem ganzen Arbeiten für die Uni auch noch für Geld zu arbeiten, werden mir zustimmen, dass das meist ein Trugschluss ist. Aber in dieser Artikelreihe soll es nicht um die Problematik von Nebenjobs im Allgemeinen gehen, sondern nur um meinen Nebenjob. Den an der Information nämlich, mit dem so viele Absurditäten und zwischenmenschliche Desaster einhergehen, dass es sich lohnt, diese für die Menschheit festzuhalten.

„Wir freuen uns auf Sie!“

Es ist 08:30 Uhr an einem Wochentag und ich betrete die ‚Informationsinsel‘, die mehr einer Badewanne gleicht und die für die nächsten sechs Stunden am Stück zu meinem Käfig werden wird, aus dem ich mich nur für wenige Minuten hinausbegeben darf, um aufs Klo zu huschen. „Wir freuen uns auf Sie! Ihre Informations-Damen“, steht auf dem kleinen Schild an der Informationsinsel in der Shoppingmall, in der ich nun seit einiger Zeit neben dem Studium arbeite und ich war noch keine Woche in meinem neuen Job, um zu verstehen, dass nichts an diesem Satz hätte verlogener sein können. In einem Einkaufszentrum tun viele Angestellte viele Sachen, aber freuen gehört da nicht dazu.

Warum? Ich will versuchen zu erklären warum, aber in der Kurzfassung vor allem deswegen, weil wir uns nämlich nicht freuen, wenn verärgerte oder unhöfliche oder verwirrte oder unschlüssige oder gesprächsbedürftige oder notgeile oder einfach nur vollkommen wahnsinnige Menschen wie du vielleicht einer bist zu uns an die Info kommen und wir vor dir nicht flüchten können.

Nix-Checker Nr. 1

Es ist also 08:30 Uhr, die automatischen Schiebetüren des Einkaufszentrums, das sich seit Jahren im ‚Wandlungsprozess‘ befindet (sprich im totalen Umbauchaos versinkt), öffnen sich dem gemeinen Kaufwütigen erst in gut einer halben Stunde und ich habe noch nicht mal richtig meine Taschen abgestellt, da läutet auch schon das Telefon. Es ist immer dasselbe, die Leute wollen einfach nicht kapieren, wie es sich mit Öffnungszeiten verhält und rufen zu jeder Tages- und Nachtzeit an. Nun bin ich ja schon einmal da und fasse mir ein Herz und hebe den Hörer trotzdem ab. „XY-Einkaufszentrum, Kundeninformation, mein Name ist BlaBlaBla, was kann ich für Sie tun?“ „Hallo?“, tönt eine Frauenstimme an mein Ohr. Ich unterdrücke ein Stöhnen und wiederhole den Begrüßungssatz noch einmal, obwohl ich ihn immer betont langsam spreche.

„XY-Einkaufszentrum, Kundeninformation, mein Name ist BlaBlaBla, was kann ich für Sie tun?“ „Ja, hallo, ich habe bei Ihnen das Handy bestellt und will jetzt wissen, wo ich das abholen kann.“ „Bei mir, fürchte ich, haben Sie gar nichts bestellt, weil Sie jetzt mit der allgemeinen Kundeninformation des Einkaufszentrums sprechen.“, sage ich. „In welchem Geschäft haben Sie denn das Handy bestellt?“ „Ja, bei Ihnen.“, sagt die Stimme irritiert. „Wie gesagt, bei mir können Sie es nicht bestellt haben, da ich nur die Information des ganzen Hauses bin. Sie haben jetzt bei der allgemeinen Kundeninformation angerufen und nicht in einem unserer Geschäfte. In welchem unserer Shops waren Sie denn?“ „Ja woher soll ich das wissen?“, schnauft die Stimme empört. „Ja ich weiß es leider auch nicht.“, sage ich. „In dem, wo man hald die Handys kauft.“, sagt die Frau am anderen Ende der Leitung entnervt.

Ruhig bleiben…

Ich bemühe mich um eine ganz sanfte ruhige Stimme und erkläre ihr, dass wir insgesamt fünf verschiedene Geschäfte haben, in denen Handys verkauft werden und sie da schon etwas genauer werden muss, damit ich ihr helfen kann. „Können Sie sich erinnern auf welcher Ebene Sie waren? Im Erdgeschoss oder im ersten Obergeschoss?“, frage ich, um die Suche nach dem Handyanbieter wenigstens ein bisschen einzugrenzen. Sie kann sich nicht erinnern und überhaupt findet sie, dass das alles eine Zumutung ist.

Ich biete ihr an, ihr die Nummern der einzelnen Shops, in denen Mobiltelefone vertrieben werden, herauszusuchen. „Wieso verbinden Sie mich nicht?“, faucht die Furie am anderen Ende der Leitung. „Weil ich das leider nicht kann.“, erkläre ich ihr. In unserem Einkaufszentrum haben wir über 200 Shops. Es gibt keine direkte Leitung in jeden von denen. Ich bin eine Information und keine Schaltzentrale. „Nein, dann suche ich mir das gleich aus dem Internet!“, sagt sie und ich begrüße diese Entscheidung. Warum nicht gleich so?

Diese Leute!

Ich lege den Hörer auf, in dem Wissen, im Laufe des Vormittages noch einige solcher und so ähnlicher Gespräche führen zu müssen. Sonderlich originell sind die Telefonate ohnehin nie, aber warum Menschen aufgrund ihrer eigenen Unfähigkeit auf andere (also auf mich) böse werden, habe ich noch nicht verstanden. Wenigstens hat diese Dame verhältnismäßig schnell kapiert, dass ich die Kundeninformation des gesamten Shoppingcenters bin und sie nicht mit einem Mitarbeiter in einer Filiale telefoniert.

Ich fahre den Computer hoch, logge mich in die Systeme ein und aktiviere die Clubkarten und andere Geräte. „Guten Morgen Fräulein Hübsch!“, grüßt mich der ältere Herr im abgenützten Jackett, der zu den Stammkunden des Hauses gehört, mir immer unverhohlen auf die Brüste starrt und gegenüber meines Infostandes im Café seines Vertrauens zu Frühstücken pflegt. Wir sind ja nicht nur Einkaufszentrum, sondern auch Erlebnis- und Genussparadies. „Sie sehen heute wieder bezaubernd aus.“, sagt er mit Blick auf meine Oberweite und meine Hoffnung, dass er heute einfach mal weiter geht, zerschlägt sich. Ich trage keinen Ausschnitt und bin auch ansonsten nicht aufreizend gekleidet, aber die Männer schaffen es auch ohne mein Zutun, dass ich mich wie Fleisch in der Auslage fühle.

Ich bin (Frisch)Fleisch

Es ist noch nicht mal 10 Uhr und ich verkaufe gerade Gutscheine an einen Mann dessen Frau augenscheinlich im Geschäft nebenan Schokolade kauft und er glotzt mir vollkommen schmerzbefreit auf meine Brüste. Mal abgesehen davon, dass ich auch schöne große Augen habe, finde ich das nun aber wirklich unangenehm und vollkommen unangebracht, zumal er ganz offensichtlich verheiratet ist. Schließlich bemerkt er, dass ich bemerkt habe, dass er meine Brüste bemerkt hat, aber anstatt peinlich berührt den Rückzug anzutreten, bläst der Mann zum Angriff. „Sie haben aber eine ordentliche Oberweite.“, sagt er und ich schweige zu dieser Feststellung. Ich bin nicht flachbrüstig, so viel steht fest. Anscheinend hält er es noch für nötig mir mitzuteilen dass, „uns Männern das sehr gefällt.“, bevor der kleine Drucker endlich die Rechnung zu seinem Gutscheinkauf ausgespuckt hat und ich mich von ihm mit einem zuckersüßen und absolut falschen, aufgesetzten Lächeln verabschiede.

Mal ehrlich und ganz unter uns gesagt, bin ich kein Modeltyp. Ich bin nicht mal besonders auffallend schön. Du siehst mich nicht auf der Straße langgehen und denkst dir: ‚Verdammt, ist die heißt!‘ Klar ich bin nicht hässlich und ich habe mittlerweile herausgefunden, wie man ein Glätteisen benutzt und einen Lidstrich zieht, ohne sich das Auge auszustechen, aber ich bin nicht sooo unglaublich ‚bombe‘, dass es all diese unangenehmen und unpassenden sexuellen Anspielungen an meinem Arbeitsplatz rechtfertigen würde.

Kann man das überhaupt rechtfertigen?

Wenn man in einer Bar kellnert oder dergleichen, kann man ja vielleicht irgendwie damit rechnen von dem ein oder anderen, der schon zu tief ins Glas geguckt hat, angemacht zu werden, aber in einem Einkaufszentrum? Am helllichten Tag? Wo Kinder um einen rum sind? „Bleiben Sie so hübsch.“, sagt der Mann im Gehen, zwinkert mir zu und ich weiß, dass ich heute nach der Arbeit wieder zweimal duschen muss, um mir die Blicke abzuwaschen.

Der Kunde ist…Creep!

Meine unangenehmste Begegnung dieser Art war mit einem Mann mittleren Alters, der auf mich an der Information zukam und fragte, ob er ein Foto von mir machen könne. Erst fragte ich ein wenig verwirrt, ob er meinte von der Information (die von irgendeinem besonderen Architekten, der sicher noch nie an einer Info gearbeitet hat, so wie der das Ding designt hat…) an sich ein Foto machen zu wollen, aber er verneinte. Er wolle von mir ein Foto machen. „Ja wofür denn?“, fragte ich, schwer damit beschäftigt für eine Dame Kopien zu machen, über das Videosystem den Wickelraum für eine kinderreiche Familie zu öffnen und den Warnsignalton am Kontrollbrett ruhig zu stellen.

„Ich brauche es.“, sagte der Mann und ich warf die Stirn in Falten. „Warum?“ „Naja Sie wissen schon.“ Nein, ich wusste nicht. Er druckste komisch herum und meinte dann. „Ich brauche es für mich.“ Es passieren zwar wirklich laufend seltsame Dinge in diesem Einkaufszentrum und seltsame Menschen sagen eine Menge seltsame Dinge, aber das war besonders schräg. Ich erklärte ihm, dass es mir unangenehm wäre, wenn er ein Foto von mir machen würde und er dies bitte unterlassen solle. Wer jetzt denkt, dass der Mann das zur Kenntnis genommen hat und abgezogen ist, der hat noch nie an einer Information gearbeitet.

Zu viel Information…

„Aber ich hätte dieses Foto so gerne.“, bleibt er beharrlich und ich verstehe immer noch nicht, worauf das alles hinaus läuft. Ich erklärte ihm, dass er mir nicht schlüssig erklären konnte, wofür er es so gerne hätte und dringend benötige und dass ich schon einmal nein gesagt habe. „Sie wissen schon.“, sagt er (einer meiner heimlichen Lieblingssätze die ich hier zu hören bekomme, ich bin eine Informations- und keine Allwissend/Gedankenlese-Dame!) „ich brauche es wenn ich alleine bin.“ Wenn er alleine ist? Ich verstand immer noch nicht. So lange nicht, bis er es ein paar Mal wiederholt und mit einer eindeutigen Handbewegung unterstrichen hatte.

Der Mann wollte mein Foto um als Vorlage dazu zu wixen. WHAT?! Ich war vollkommen perplex. War das gerade wirklich passiert? Es war wirklich passiert und meine Entrüstung kannte keine Grenzen, nachdem sich der erste Schock einmal bei mir gelegt hatte. Das war ja wirklich ungeheuerlich! Ich machte den Wixer ordentlich zur Schnecke und drohte damit, ihm die Security (die es gar nicht gibt) auf den Hals zu hetzen, wenn er nicht augenblicklich aufhören würde mich zu belästigen.

True story, bro. 

Ich würde gerne sagen, dass ich mir diese Geschichten ausdenke, aber das kann ich nicht, weil sie nämlich wirklich genau so passiert sind und auch immer noch so passieren. Natürlich habe ich mir schon öfter überlegt, alles hinzuschmeißen und das mit dem Nebenjob sein zu lassen, aber ich bin jung und brauche das Geld. Außerdem ist mein Arbeitgeber sehr nett, die Arbeitsstelle nicht weit von meinem Wohnort entfernt und die Arbeitszeiten regelmäßig und damit mit der Uni weitestgehend vereinbar. Es wäre eigentlich ein ganz angenehmer Nebenjob, wenn da halt nicht die Kunden wären… 😉 Das nächste Mal geht es unter anderem um die Frage: „Darf ich Sie etwas fragen?“ und ich verrate hier schon mal, dass Sie dürfen. Ich bin ja schließlich auch die Information. Einmal würde ich aber trotzdem gerne mit ‚nein‘ antworten, nur um zu sehen was dann passiert. 😛

Teil 2 aus dem Leben der Informations-Dame gleich hier lesen! 🙂

Bild: flickr

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Über itswaypastmybedtime

Ich bin eine kleine, über Berge hüpfende und dabei Edelweiß-Lieder singende (naaaa wer erkennt die Sound of Music reference?) Student-in des Alpenlandes die sich irgendwann mal hier her verirrt hat und jetzt wie Alice Gefallen am Wunderland gefunden hat. Ich schreibe über alles und nichts. Dinge die mir so passieren, Gedanken die ich in Worte fassen will oder die ein oder andere große Weisheit die ich in meinem jungen Leben schon kapiert hab und großzügig mit euch übrigen unwissenden und herumdümpelnden Mit-20ern teile ;-)

Schau mal

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