Home » StudiAlltag » Zu viel Information – aus dem Alltag einer Informations-Dame Teil 2
Information: Die allwissende Dame

Zu viel Information – aus dem Alltag einer Informations-Dame Teil 2

Ich habe also neben meinem Studium einen Job als Informations-Dame in einem Einkaufszentrum, den ich so ‚nebenbei‘ versuche zu managen (siehe Teil 1). Mit dem arbeiten neben dem Studium ist das ja bekanntlich immer so eine Sache und wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich mich sicherlich lieber voll auf mein Studium konzentrieren, aber ich kann es mir nun mal nicht aussuchen, weil ich jung bin und das Geld brauche. Ich verdiene mir mein Geld für meine Unabhängigkeit und mein Überleben im Großstadtdschungel selbst und bin damit eigentlich ganz zufrieden. Mein Job an der Information ist vielleicht fachlich keine große Herausforderung, zwischenmenschlich aber auf jeden Fall eine Prüfung und so kam mir die Idee, die vielen alltäglichen Absurditäten und Desaster, die bei uns an der Info passieren, für die Menschheit festzuhalten und nicht nur in pseudo Comedy-Stand Up-Sessions in meinem Freundeskreis nachzuzeichnen.

Lachprostitution

„Guten Tag.“, grüßt die Frau im roten Mantel mit der dazu passenden falschen Haarfarbe. „Guten Tag.“, grüße ich und lächle. Ich lächle immer. Muss man auch, weil man sie nicht alle töten kann, wie es auf der kleinen Minzbonbonschachtel in meiner Schreibtischlade steht und wir an der Information die ‚Atmosphäre für das Haus‘ setzten, heißt es in der Chefetage.

Anfangs fiel es mir ganz leicht immer freundlich zu lachen, aber nach ein paar Monaten an der Information mit den immer gleichen Fragen und den immer wiederkehrenden Problematiken, ist mir mein ungezwungenes Strahlen dauerhaft eingefroren. Mittlerweile ist ja meine Theorie, dass sich jeder der zu viel Zeit mit Menschen verbringt, sich früher oder später in einen Zyniker verwandelt. „Bitte, wo ist das Geschäft mit ‚dem großen B‘?“ „Tut mir leid.“, sage ich. „Das gibt es bei uns leider nicht.“ „Nein, aber ich bin mir ganz sicher, dass ich hier schon in diesem Geschäft eingekauft habe!“

Die Dame an der Information ist genervt von den sinnlosen Fragen der Kunden.

Was sagt man jetzt darauf? Ich versuche ihr höflich zu erklären, dass das nicht möglich ist.  „Ja was meine ich denn dann?“, schaut mich die Dame fragend an. Gute Frau, ernsthaft! Woher soll ich das wissen?! Natürlich raufe ich mir jetzt aber nicht vor Verzweiflung die Haare, sondern beginne professionell freundlich die unzähligen Geschäfte in unserem Haus herunter zu rattern, die dem von ihr genannten, das es bei uns definitiv nicht gibt und auch noch nie gab, nahe kommen. Leider kommt ihr kein einziges davon bekannt vor und wir sind nach meiner Gedächtnisakrobatik genauso schlau wie zuvor.

„Bitte, wie kann ich Ihnen helfen?“, frage ich einen jungen Mann, der auf mich an der Information zukommt. Der großgewachsene Hüne grinst mich an. „Einen Gutschein über 100 Euro und deine Telefonnummer.“, bestellt er und kommt sich dabei ziemlich gut vor. Jetzt wo er so vor mir steht, raubt mir sein billiges Herren-Parfum fast den Atem. Ich lächle gequält und frage ihn ob er bar oder mit Bankomat bezahlen möchte. Es ärgert mich, dass es immer wieder Menschen gibt, die mich einfach nicht Siezen und denken, nur weil ich süß und jung bin, mich nicht für voll nehmen zu müssen. Wenn ältere Herrschaften mich ‚Fräulein‘ rufen, ist das natürlich etwas Anderes, aber wenn es „Du, Fräulein“ ist, macht mich das schon wieder sauer. Da geht es um die ganz kleinen alltäglichen Gepflogenheiten und ein gewisses Maß an Respekt, das man einfach voraussetzen können sollte.

Immer wenn man denkt es geht nicht schlimmer…

Immer, wenn man insgeheim glaubt, alles in so einem Einkaufszentrum erlebt zu haben, was man nur irgend möglich erlebt bzw. durchlebt haben kann, toppt das Leben dein persönliches Grauen. In meinem Fall war es die Marketing Idee eines „Schlagernachmittags“, der schon mittags begann.

Hört sich grauenvoll an? War es auch! Die Einkaufsmall wurde geradezu mit Oldies und Goldies aus dem letzten Jahrhundert geflutet, von denen die allermeisten schon Tage zuvor Telefonterror betrieben, weil die ‚Internet-Aktion‘ an ihnen natürlich spurlos vorüber ging und sie Informationen ‚old style‘ haben wollten. So kam es, dass ich telefonisch über die 30 Musikanten(gruppen) informieren durfte und deren gesamte Auftrittspläne und Autogrammstunden in meinen Telefonhörer schreien musste, weil die Person am anderen Ende der Leitung in den meisten Fällen so gut wie taub war. „Wonn spüt der oane mit da Quetschn (=Harmonika)?“ Es war ganz wundervoll. Nicht.

So richtig, richtig anstrengend wurde es aber dann gegen Ende des Schlagernachmittags (am Abend), nachdem ich stundenlang mit ohrenbetäubender ‚super Schlagermusi‘ beschallt wurde und immer wieder vom Panorama-Geschoss aus „Geht’s euch guuuut??“, gebrüllt wurde. Nein, es geht mir nicht gut. Sei leise!

Der Höhepunkt des Tages war überraschenderweise nicht der Sturz eines Schlagersternchens, das von der Bühne plumpste, sondern das was danach folgte. Die nach einem langen Tag vom Cremeschnitterl zuzeln und Schlagerstars treffen, erschöpften SeniorInnen, konnten sich nämlich fast allesamt nicht mehr daran erinnern wo sie denn bei der Ankunft ihr Auto geparkt hatten. Das Chaos war perfekt. Die wenigsten des sehr betagten Publikums aber waren sich ihres eigenen schwachen Gedächtnisvermögens bewusst und flippten an der Information aus, überzeugt davon das Opfer eines Autodiebstahls geworden zu sein. Die Herrschaften zu beruhigen war die eine, ihnen zu erklären, dass ich nicht mit jedem einzelnen das Automobil suchen gehen könnte, die andere Sache. Vor allem, wenn man sich nicht mal mehr an sein eigenes Kennzeichen erinnern kann und die einzige Beschreibung des Autos „grau“ lautet.

Das Alltagsgefecht

Pinguine aus Madagascar 'lächeln und winken'

Mittlerweile kann ich über die Pinguine aus Madagascar (1, 2 oder 3 -sucht euch was aus) nicht mehr so herzhaft lachen, wenn sie einander zuraunen ‚Lächeln und winken Männer, lächeln und winken‘, denn genau so geht es mir Tag für Tag. Nur, dass ich mit meinen Fluchtplänen nicht mal halb so kreativ bin, fürchte ich. „Lächeln und winken“ ist ein regelrechter Schlachtruf der Verzweiflung im Alltagsgefächt..äh..Geschäft an der Kundeninformation. Die reinste Lach-und Lächelprostitution die ich hier betreibe. Wie ich das hier so schreibe, bauen und basteln die Haustechniker im Einkaufscenter gerade an der Weihnachtsdeko und schon bald werde ich neben einem fliegenden Rentier und einem überdimensionalen Weihnachtsbaum Gutscheine fürs Fest verkaufen und so lange ‚Last Christmas‘ hören, dass ich mir vielleicht wünschte es wäre wirklich mein letztes Weihnachten. Aber wer weiß, vielleicht berichte ich euch ja auch davon.

Mit freundlichen Grüßen,

Ihre Dame von der Kundeninformation

Quelle 1
Quelle 2

 

Diesen Inhalt teilenTweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Email this to someoneShare on TumblrPin on Pinterest

Über itswaypastmybedtime

Ich bin eine kleine, über Berge hüpfende und dabei Edelweiß-Lieder singende (naaaa wer erkennt die Sound of Music reference?) Student-in des Alpenlandes die sich irgendwann mal hier her verirrt hat und jetzt wie Alice Gefallen am Wunderland gefunden hat. Ich schreibe über alles und nichts. Dinge die mir so passieren, Gedanken die ich in Worte fassen will oder die ein oder andere große Weisheit die ich in meinem jungen Leben schon kapiert hab und großzügig mit euch übrigen unwissenden und herumdümpelnden Mit-20ern teile ;-)

Schau mal

Verschwörungstheorien: Alien im Vordergrund, Kerze, Totenkopf etc. im Hintergrund

Meint der das ernst? – Verschwörungstheorien in Deutschland

Unsere heutige Gesellschaft in Deutschland genießt einen vergleichbar hohen Bildungsstandard und das Internet ermöglicht jedem …



Für eine uneingeschränkte Nutzung unserer Website werden Cookies benötigt. Bitte stimme der Verwendung von Cookies zu, um alle Funktionen der Website nutzen zu können. Weitere Informationen

Cookies sind kleine Dateien, die es ermöglichen, auf dem Zugriffsgerät der Nutzer (PC, Smartphone o.ä.) spezifische, auf das Gerät bezogene Informationen zu speichern. Sie dienen zum einem der Benutzerfreundlichkeit von Webseiten und damit den Nutzern (z.B. Speicherung von Logindaten). Zum anderen dienen sie, um die statistische Daten der Webseitennutzung zu erfassen und sie zwecks Verbesserung des Angebotes analysieren zu können. Die Nutzer können auf den Einsatz der Cookies Einfluss nehmen. Die meisten Browser verfügen eine Option mit der das Speichern von Cookies eingeschränkt oder komplett verhindert wird. Allerdings wird darauf hingewiesen, dass die Nutzung und insbesondere der Nutzungskomfort ohne Cookies eingeschränkt werden. Mit dem Aufenthalt auf dieser Website akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies.

Schließen