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Beitragsbild studienanfaenger-impressionen - Schlafender Student im Hörsaal aus Sicht des Rednerpultes

Studienanfänger – Impressionen Teil 1

Ich glaube behaupten zu können, dass meine Familie einen durchaus repräsentativen Haushalt für die obere österreichische Mittelschicht darstellt und der typische Hintergrund für mehr als die Hälfte aller Studienanfänger an den Universitäten unseres Landes ist. Meine Mutter, eine Akademikerin, Tochter eines Eisenbahners und einer gelernten Handwerkserzieherin, der es durch ein Stipendium ermöglicht wurde einen höheren Bildungsweg zu beschreiten, hatte in Mindeststudienzeit studiert, in einer Grazer Studenteinheimburg gelebt, meinen Vater zuerst kennen und erst einige Zeit danach lieben gelernt, sofort nach Studienabschluss eine Anstellung erhalten und war bis zum heutigen Tage, in ihrem Beruf aufblühend, unkündbar beschäftigt.

Mein Vater, auch ein Akademiker, Sohn eines Schulwartes und einer Putzfrau, der zwar mit Eifer studierte, leider jedoch in seinem Metier nie Fuß fassen konnte (Historiker, was soll man sagen…), hatte die Chance ergriffen und sich anderwärtig erfolgreich orientiert. Um das finanziell abgesicherte Glück perfekt zu machen hatten sie, nach christlicher Trauung und einigen, mit Kindern nicht mehr möglichen,  abenteuerlichen Reisen in ferne Länder, zuerst mich und danach meinen Bruder in die Welt gesetzt und mussten nun mit den Konsequenzen dieses hormongesteuerten Entschlusses leben.  „Trink deinen Tee“, sagte meine Mutter. „Du brauchst etwas Warmes im Magen.“ Und schob mir die dampfende Kanne über den reich gedeckten Tisch.

Der erste Tag

Der erste Tag für einen jungen Menschen, der nach erfolgreicher Absolvierung seiner Schulzeit an örtlichen oder weiter entfernten diversen Schuleinrichtungen, nun den Wunsch verspürend, die morsche Leiter der akademischen Bildung in Österreich (oder sonst wo) weiter empor zu klettern, beginnt in den meisten Familienhaushalten mit einem mehr oder weniger üppigen Frühstück. In meiner Familie jedenfalls war man der Ansicht, dass ein gutes Frühstückt die Basis eines guten Tages ist und so erwachte ich an diesem bedeutungsschwangeren  1. Oktober mit dem Duft frisch gekochten  Kaffees und selbst in das Backrohr geschobenen Ofen-frisch-Brötchen aus dem Supermarkt um die Ecke.

Aufstehen!

Das energische Klopfen meiner Mutter an meiner ohnehin nicht verschließbaren Zimmertür, was unter uns gesagt wohl für alle über 14 Jährigen eine Zumutung sondergleichen darstellt, wurde mit jeder Minute, die ich versuchte, wieder in das Land der Träume zurückzukehren lauter. Ergeben gab ich das Unterfangen schließlich auf und gab durch mürrisches Grummeln zu verstehen, dass ich wach war und es keines weiteren Terrors in Form von Klopfen bedurfte, um mich aus dem Bett zu bekommen. Daraufhin zog sie ab und überließ mich dem quälenden Part des eigentlichen Aufstehens.

Aus dem wohlig, kuscheligen Nest steigend, versuchte ich die restliche Wärme nicht entweichen zu lassen und robbte, meine Decke umklammernd wie einen rettenden Anker, in Richtung Kleiderkasten. Mein Zimmer, mehr länglich als breit und realistisch gesehen für die meisten österreichischen jung-Erwachsenen wohl nicht besonders beeindruckend, war groß genug um, einmal bei meinem schwedischen Kleiderkasten angekommen, dem Tod durch Unterkühlung sehr nahe gekommen zu sein.

Bibbernd und zitternd versuchte ich, passende Kleidungsstücke aus dem sich mir darbietenden Chaos zu ziehen, nur um mit Entsetzen festzustellen, dass ich ganz offensichtlich nichts anzuziehen hatte. Mürrisch zog ich mir einen am Boden liegenden Pullover über den Kopf, suchte nach den selbst gestrickten Wollsocken meiner Oma und begab mich in das an mein Zimmer angrenzende Esszimmer. „Na endlich bequemt sich die Prinzessin auch mal daher!“, polterte mein 1,96 Meter großer bärengleicher Vater zur Begrüßung als ich das Zimmer betrat.

Frühstück

Es bedurfte keinem sonderlichen Scharfsinn meinerseits, um zu verstehen, dass Prinzessin keineswegs auf mein märchenhaftes Aussehen abzielte. Mein um zwei Jahre jüngerer Bruder, offensichtlich erleichtert darüber, dass die Aufmerksamkeit beider Elternteile nicht länger nur auf ihn gerichtet war, erkannte seine Chance und beschwerte sich, er würde wohl wegen mir zu spät in die Schule kommen. „Ich hab absolut gar nichts anzuziehen.“, raunzte ich unter meinen, mir ins Gesicht hängenden, dunklen Locken feindselig als Antwort hervor. „Jetzt setz dich erst mal und iss etwas. Wir haben noch nicht angefangen.“, erwiderte meine Mutter bestimmt, offensichtlich darum bemüht, die Situation, wie so oft, nicht schon in der Früh eskalieren zu lassen.

Als ich zu meinem Stuhl schlurfte und mich dort niederließ, knirschte etwas ganz bedrohlich unter meinem Gewicht zusammen. „Was zum Geier? Wer kommt auf die hirnverbrannte Idee…?“ Gerade begann ich meinem angestauten Ärger Luft zu machen, als ich erkannte, dass auf meinem Sessel eine selbstgebastelte, nun etwas eingedrückte, Schultüte mit, in der Handschrift meiner Mutter, darauf gekritzelte Glückwünsche zum neuen Lebensabschnitt, bis obenhin gefüllt mit gehirnleistungsförderndem Traubenzucker und Studentenfutter lag. „Oh“, brachte ich hervor und mein impulsives, aber leider, wie so oft, nicht zu unterdrückendes Verhalten, tat mir schlagartig leid.

 (K)eine Berufung

Nach der Matura (=Abitur) hatte es mich zur Erholung in das Geburtsland der Mathematik verschlagen, das für das beinahe Nicht-Bestehen meiner Reifeprüfung verantwortlich war. Nach Griechenland, deren Pleite im Finanzwesen einen Teil von mir schadenfroh frohlocken ließ. Den eigentlichen Plan eines Jura-Studiums hatte ich in den Sommermonaten wieder verworfen und entschied mich schlussendlich für ein Lehramtsstudium, zusammengesetzt aus den Fächern Englisch und ’so-einem-Nebenfach‘.

Ich war weder einer der Studienanfänger, der seit frühen Kindertagen an wusste, was genau er einmal machen, geschweige denn werden wollte, noch jemand, zu dem eine höhere Macht gesprochen und ihn seine Berufung hatte finden lassen. Meine Wahl beruhte einzig und alleine auf den Punkten meiner unzähligen Pro-und-Contra-Listen und den Gesprächen mit Studierenden, so wie bereits alternden Lehrkörpern. Ich war weder von Idealismus zerfressen noch war mein Blick von Illusion beeinträchtigt. Nie hatte ich den edlen Wunsch die Welt zu verändern oder sie durch geniale Erkenntnisse oder Erfindungen zu retten verspürt, obwohl ich das im Kleinen wohl auch tun würde.

Ich freute mich und stand an diesem, für mich so bedeutenden Tag, vor der Universität meiner Wahl und genoss das Gefühl der Reife und Besonderheit meiner Person. Ja, ich war nicht mehr länger einer von tausenden kindlichen Schulbankdrückern und würde dorthin auch erst wieder als überlegene Autoritätsperson zurückkehren. Ich war nun Teil einer elitären, reifen Gruppe:

Ich war Student. Studienanfänger um genau zu sein

Und dieser Umstand wurde mir auch schlagartig bewusst, als ich orientierungslos (ironischer Weise auf der Suche nach einer Orientierungslehrveranstaltung) umherirrte und das Gefühl der geistreichen Überlegenheit irgendwo zwischen Korridoren und Innenhöfen verlor. Die schier grenzenlose Komplexität einer universitären Anlage hatte sich mir noch nicht erschlossen, als ich auf einen Schwarm ebenso hilflos dreinblickender Frischlinge stieß, denen ich mich unauffällig anschloss. In der großen Aula des Hauptgebäudes angekommen, in der ich eine Orientierungsvorlesung/Lehrveranstaltung für Lehramtsstudenten (eine im Studentenfachchargon genannte OL) besuchte, gelang es mir mich in eine der hinteren Sitzreihen zwischen zwei vollkommen wildfremde Mädchen zu quetschen, mit denen ich die folgenden drei Stunden kein Wort wechselte und an deren Gesichter ich mich schon eine halbe Stunde danach nicht mehr erinnern konnte. Vermutlich studieren sie schon gar nicht mehr an meiner Uni.

Von Orientierungslehrveranstaltungen und anderen Irrtümern

„Sie werden nicht gebraucht.“ So, oder so ähnlich wurde es immer und immer wieder formuliert. Schon am ersten Tag meiner Laufbahn als ordentliche Hörerin an der Universität meiner Wahl bekam ich, gewissermaßen metaphorisch gesprochen, einen Eimer Eiswasser übergegossen, wie man es in früheren Erziehungs- oder anderwärtigen Anstalten mit unliebsamen Patienten getan haben musste. Ganz nach dem Motto: „Es ist zwar nett, dass Sie hier sind, aber lieber wäre uns, Sie würden wieder gehen“, wurde ich nicht nur durch die insgesamt drei Orientierungsvorlesungen geführt, sondern durch meine ganze erste Woche.

Ja, diese offenbar gängige Methode, junge Menschen schon am Anfang ihres eingeschlagenen Weges verzweifeln zu lassen, fand unter dem vorherrschenden universitären Personal offenbar großen Anklang. Es machte fast den Eindruck, als hätten sie so großen Spaß daran, sämtliche Hiobsbotschaften innerhalb kürzester Zeit auf uns niederprasseln zu lassen, dass – wären sie nicht allesamt knapp an die hundert Jahre alt gewesen – sie bestimmt eine Facebookgruppe eröffnet hätten, wegen der sie schlussendlich auf Grund von Diskriminierung und Mobbing von der Community ausgeschlossen worden wären.

Goodbye Individualität, goodbye Besonderheit

Wäre ich nicht von meinen, irgendwo schlummernden, qualitativ hochwertigen Lehrerqualitäten überzeugt gewesen, diese erste Woche wäre meine letzte gewesen. Auf diesen Umstand machte man uns auch immer wieder aufmerksam. „Wenn Sie nicht sowieso zu blöd oder zu ungeeignet für ihre Studienwahl sind, dann vergraulen wir Sie erfolgreich!“ Ganz offensichtlich und trotz kontroverser Zeitungsartikel und Nachrichtensendungen, waren neue Lehrkörper wohl in ganz Österreich absolut nicht gefragt und schon gar nicht gebraucht. Außerdem war meine von mir gewählte Fächerkombination im wahrsten Sinne des Wortes überlaufen.

In etwa dieser Situation  mussten wohl die alten Römer im Zuge der, für ihre Kultur todbringenden, Völkerwanderung ausgesetzt gewesen sein. Das Gefühl der Individualität und Besonderheit, die man von Kinderbeinen an von liebenden und unwissenden Elternteilen suggeriert bekommen hatte, verpuffte in den Heerscharen von Neulingen noch bevor ich dieses neu gewonnene Gefühl richtig auskosten konnte.

Doch dass mich offensichtlich niemand haben wollte, jetzt und auch in Zukunft nicht, wie es schien, war nicht mein einziges Problem. Auf den verschiedenen Instituten kannte ich zu allererst oder zu allermeist einmal die WC-Anlagen. Orte die in den kommenden Monaten in meinem Leben an immenser Bedeutung gewannen und deren existenzielle Wichtigkeit sich mir bis dahin nicht erschlossen hatte.

Sollte ich von meiner Studienzeit, wie kurz oder lang diese auch sein mochte, also nichts weiter lernen als das? Die Erkenntnis der gesellschaftlichen Notwendigkeit öffentlicher Toilettenanlagen, so hatte ich optimistisch gesehen doch etwas, wie man so schön sagt, für das Leben  gelernt. Bei einem meiner unzähligen Gänge zu den rettenden Rückzugskabinen, vorzugsweise eine der hinteren und immer vorlesungsspezifisch vor oder nach der Veranstaltung, machte ich die tröstende Erfahrung, dass es auch anderen Studienanfängern nicht besser erging als mir.

Klogespräche

In der Toilette neben mir weinte eine Stimme aufgelöst ins Telefon und erzählte der Person ihres Vertrauens über den schrecklichen Alltag in einer fremden Stadt, die Herausforderung jeden Tag aufs Neue auf einen Campus zu gehen, der so groß ist wie das heimatliche Kuhdorf, Gebäude zu betreten, in denen dich niemand sehen will und brachte in einem Satz auf den Punkt worüber auch ich mich immer wieder ärgerte: „Woast, jetzt hob i so vui gmocht, hob mi durch de deppate Schui durchi gwölt und woa imma guad! Nur damit i mi do fertig mocha lossn konn, wo mi eh koana wü? Wieaso sogtn des koana vorher, ha?“ Die Frage blieb zwar unbeantwortet, im Raum steht sie aber immer noch.

Vielen Dank, liebes Bildungssystem

Warum in aller Welt redet man den jungen Menschen ein, nur ein vollwertiger Mensch zu sein, wenn man einen Matura-Abschluss in der Tasche hat? Dass Bildung ein wichtiges Gut ist, ist unbestreitbar. Dass Bildung aber in unseren Gymnasien, ORGs, BHs etc. vermittelt wird, wage ich zu bezweifeln. Hinz und Kunz werden gedrängt, einen höheren Bildungsweg einzuschlagen, ob Hinz und Kunz dazu in der Lage sind oder überhaupt das Interesse oder die nötigen Voraussetzungen haben, spielt nicht mehr wirklich eine Rolle.

„Jeder der was auf sich hält – heute ins Gymnasium rennt“ und ist man erst mal drin, ist es quasi eine Sache der Selbstverständlichkeit, die auserkorene Einrichtung auch erfolgreich zu verlassen. Und so, liebe Welt, kommt es also dazu, dass die Universitäten unseres Landes regelrecht von MaturantInnen überrannt werden und mit diesem schwerwiegenden Problem und entschieden zu wenig Geld, um diese beheben zu können, alleine dastehen.

Wie sie diesen unerfreulichen Umstand zu vieler Studenten nun einigermaßen in den Griff zu bekommen versuchten, war zumindest mir und der Person im nächsten Klo klar: Vertreibung durch Einschüchterung. Ganz unweigerlich drängte sich mir also früher oder später die Frage auf, ob das hier das versprochene und in Aussicht gestellte ‚wahre Leben‘ sei, von dem alle behaupteten, es würde nach der Reifeprüfung auf mich zukommen? Immer öfter beschlich mich ja in meinem sinnlosen Alltagswandeln das Gefühl, dass ich auch schon als kleines Mädchen hatte, wenn mir jemand ein Bonbon versprach, es sich dann aber als ausgezuzelter HubaBuba-Kaugummi entpuppte. Da hatte man mich aber ordentlich beschissen!

Fortsetzung folgt.

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Über itswaypastmybedtime

Ich bin eine kleine, über Berge hüpfende und dabei Edelweiß-Lieder singende (naaaa wer erkennt die Sound of Music reference?) Student-in des Alpenlandes die sich irgendwann mal hier her verirrt hat und jetzt wie Alice Gefallen am Wunderland gefunden hat. Ich schreibe über alles und nichts. Dinge die mir so passieren, Gedanken die ich in Worte fassen will oder die ein oder andere große Weisheit die ich in meinem jungen Leben schon kapiert hab und großzügig mit euch übrigen unwissenden und herumdümpelnden Mit-20ern teile ;-)

Schau mal

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