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Angstfreies Töpfern

Töpfern? Ein bescheuertes Geschenk

Ein Töpferkurs ist ja an sich ein ziemlich bescheuertes Weihnachtsgeschenk. Als meine Freundin Ana damit um die Ecke kam habe ich kurz an meiner Menschenkenntnis gezweifelt. Was habe ich denn bitte für Freunde? „Ein Töpferkurs? Ernsthaft?“, habe ich sie gefragt und den Gutschein vom lokalen ‚Töpferparadies‘ vor ihrem Gesicht hin und her geschwenkt. Ist das nicht mehr was für 50+ Muttis oder gestresste Manager-Typen auf überteuertem Retreat? „Nein, das ist auch was für uns!“, redete mir Ana gut zu und flehte mich geradezu an, den Freitag-Abend Kurs für angstfreies Töpfern an der Hochschule mit ihr zu besuchen. Freitagabend! Der Titel an sich ist schon komisch. Wer hat denn bitte Angst vor Töpfern? Ich für meinen Teil hätte ja eher Angst vor den Leuten, die so einen Kurs besuchen…

Natürlich war ich dann Freitag-Abend aber doch mit einer strahlenden Ana im Hippie-Look mit Feder im Ohr und bunten Leggins, die dreckig werden dürfen, in diesem Töpferkurs. Zur großen Überraschung von absolut niemandem waren keine Männer bei diesem Kurs anwesend, dafür aber ihre verlassenen Ex-Ehefrauen, deren frustrierte oder von den 70er Jahren gerade wieder aufgetauchte Freundinnen und wir. Meine Freundin Ana und ich.

Ready for Töpfern!

Die eher dicklich runde Dame, ihres Zeichens wohl Töpfermeisterin oder so ähnlich, begrüßte uns herzlich und ich hatte fast ein bisschen Bammel sie würde jeden von uns einzeln umarmen wollen. Tat sie dann aber doch nicht. „Ich möchte sie alle hier etwas fragen.“, startete unsere Kursleiterin das ‚Unternehmen Töpfern‘ und als ich so um mich blickte, musste ich erkennen, dass ich wohl die Einzige war, die jetzt schon genug hatte. „Vor was haben Sie so richtig Angst?“ Niemand sagte etwas. Alle schauten sich ein bisschen fragend oder auch peinlich berührt um. „Überlegen Sie ruhig kurz.“, ermutigte uns die Töpfer-Lady. „Was bereitet Ihnen Sorgen? Was macht Ihnen Angst, vielleicht auch weil es Ihnen fremd ist? Was beschäftigt Sie auf eine angstvolle Art und Weise?“

Was mir wirklich Angst macht…

Ich halte es immer recht schlecht aus, wenn lange betretenes Schweigen herrscht und fühle mich auf eine unaufgeforderte Art und Weise dann immer genötigt etwas zu sagen. So auch jetzt. „Männer.“, schoss es aus meinem unkontrollierbaren Mundwerk heraus, noch bevor ich mir meine noch nicht von nasser Tonerde klebenden Finger davor schlagen konnte. Männer. Ich hatte es gesagt. Vor Männern habe ich Angst. Irgendwie zumindest. Und jetzt wussten alle Bescheid.

Nach einigen grauenvollen Sekunden bedrückter Stille fingen dann die ersten Frauen in der Runde an herzhaft zu lachen. „Ja!“, prustete eine Dame zu meiner Linken laut. „Ja, genau!“ Mein Ausspruch fand großen und ehrlichen Anklang. Alle Frauen in diesem angstfreien Töpfern-Kurs konnten sich damit identifizieren. Das machte mir nicht wirklich Mut, waren sie doch alle um einiges Älter als ich und ich hatte irgendwie gehofft, dass sich das mit den Männern, wie auch mit der Weisheit über die Jahre hinweg einstellen würde, aber es tröstete mich auch irgendwie. Männer sind gruselig.

Wir basteln nicht, wir töpfern uns einen Mann!

Unsere Töpferkurs-Expertin, die so extrem nach Räucherstäbchen sämtlicher Art roch und danach aussah, als ob sie locker auch aus dem Stand schamanische Riten für uns hätte vollziehen können, lachte mit uns. „Sehr gut!“, lobte sie und strich sich eine kleine Träne aus dem Gesicht. „Das ist mal eine gute Antwort! Wer kann sich dieser Angst noch anschließen?“ Ausnahmslos alle Hände gingen nach oben. Sogar Ana hob zögerlich ihre Hand. „Damit steht es fest meine Damen.“, verkündete die Töpfer-Uschi (wir nennen sie einfach so) und klatschte in ihre rauen Hände. „Wir töpfern uns also einen Mann!“

Tatsächlich taten wir dann auch genau das. Während andere Kursteilnehmerinnen sich über ihre miserablen Ex-Ehemänner oder Lover austauschten und jeder irgendwie die anderen an einer besonders grauenvollen Episode seiner Männer-Erfahrung teilhaben ließ, machte ich mir zum ersten Mal so richtig Gedanken, wie er denn nun eigentlich sein müsste, der ‚perfekte’ Mann. Dabei ging es gar nicht nur darum wie ich möglichst gut Bauchmuskeln in so eine Tonfigur töpfere, oder wie breit die Schultern im Vergleich zum Rest sein müssen. Nein, dieses angstfreie Töpfern hatte etwas wahrlich therapeutisches und befreiendes.

‚Mein Mann‘

Ich sage es ja wirklich nur ungern, weil ich mir auch ein bisschen lächerlich dabei vorkomme, aber wie ich da so mit ‚meinem Mann‘ hantierte und an ihm herumbastelte, verlor ich tatsächlich etwas von meiner ‚Angst‘. Das ‚Mysterium Mann‘, verlor etwas von seiner Komplexität und Fremdartigkeit, als ich da so mit 8 anderen Frauen Stück für Stück meine gebrochenen Beziehungen und Ex-Freunde zusammenstückelte, wieder auseinandernahm und beschloss anders zu formen. So albern es auch klingen mag, aber es hatte wirklich etwas sehr Erdendes.

Ich machte mir zum allerersten Mal vielleicht wirklich bewusst Gedanken, unterhielt mich dabei mit mir im Grunde fremden Frauen über ihre Erfahrungen, Erwartungen, Hoffnungen und Wünsche und konnte dabei Hilfestellungen für mich selbst finden und kam zu der Erkenntnis, dass zielloses Daten nicht nur sinnloses Daten ist, sondern auch die Gefahr in sich birgt auf eine Art ‚anspruchslos‘ zu werden oder zu sein. Sich in Situationen wieder zu finden, von denen man sich fragt wie zur Hölle man da wieder einmal hineingeraten ist. Die Antwort darauf könnte sein, dass wir uns eben davor zu wenig Gedanken machen und uns dann immer irgendwo hineinstürzen oder fallen lassen, womit wir des Öfteren auf die Nase fallen.

Töpfert angstfrei drauf los!

Und deswegen, ihr Twentysomethings und Thirtysomethings und Somethingsomethings da draußen lade ich euch ein: Töpfert angstfrei! Habt Ansprüche und töpfert euch das Leben und den für euch perfekten Mann ganz ohne Skrupel, aber nie ohne Hoffnung. Geht hinaus in die Welt mit Erwartungen, die eure kühnsten Erwartungen übertreffen! Seid kühn! Seid mutig! Seid um Gottes Willen auch ab und zu unvernünftig! Wenn ihr nicht für euch lebt, wird es keiner für euch tun. Wenn ihr nicht für euch träumt wird, keiner für euch träumen. Wenn ihr nicht für euch töpfert, töpfert niemand sonst an eurer Stelle. Selbstverantwortung heißt ein bisschen mehr als die Hausübung bis zum Stichtag auf Moodle hochzuladen

 

Bild: pixabay 

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Über itswaypastmybedtime

Ich bin eine kleine, über Berge hüpfende und dabei Edelweiß-Lieder singende (naaaa wer erkennt die Sound of Music reference?) Student-in des Alpenlandes die sich irgendwann mal hier her verirrt hat und jetzt wie Alice Gefallen am Wunderland gefunden hat. Ich schreibe über alles und nichts. Dinge die mir so passieren, Gedanken die ich in Worte fassen will oder die ein oder andere große Weisheit die ich in meinem jungen Leben schon kapiert hab und großzügig mit euch übrigen unwissenden und herumdümpelnden Mit-20ern teile ;-)

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