Home » StudiAlltag » Meine Macke: Die Misophonie
Misophonie: Pantomime hält sich die Ohren zu

Meine Macke: Die Misophonie

Misophonie oder wie Geräusche mich in den Wahnsinn treiben

Das Dschungelcamp ist zu Ende. Keiner hat es gesehen, aber jeder wusste Bescheid. Besonders ins Visier geriet diesmal TV-Maklerin Hanka Rackwitz mit ihrer, wie sie so schön selbst sagt, „Macke“. Wieso zeigt ganz Deutschland mit seinem schmutzigen Finger auf die Zweitplatzierte, die einfach nur ein großes Problem mit Hygiene hat? Ich meine, sind wir nicht alle ein bisschen irre? Sei es ein Tick, eine blöde Angewohnheit oder Ekel. Dinge, die für andere normal sind, wir aber nicht ertragen können, Dinge, die uns einfach nur in den Wahnsinn treiben oder Dinge, die wir auf eine ganz bestimmte Art machen „müssen“ und nicht anders.

Na? Wie sieht es da bei euch aus?  Fünf mal checken, ob der Herd aus ist? Gummibärchen farblich sortieren bevor man sie isst? Kaffee sieben Mal umrühren, aber wirklich nur sieben Mal? Klingelt es da beim ein oder anderen?

Okay, dann beichte ich jetzt mal meine Macke: Die Misophonie. Es gibt Geräusche bei denen ich in Sekundenschnelle von 0 auf 180 bin. Größtenteils handelt es sich dabei um Geräusche, die meistens mit dem Mund gemacht werden. Wie schmatzen, schnalzen, schlürfen, schlucken, pfeifen, atmen, räuspern, gluckern, gähnen – kurz: alles!

Leider gibt es Menschen, die ihr Leben mit speziellen Sound-Effekten aufpeppen wollen. So glaube ich. Anders kann ich mir es nicht erklären, jede seiner Aktivitäten einen geräuschvollen Ausdruck zu verleihen. Und es macht mich schlichtweg irre!

Der Refrain des Wahnsinns

Morgens in der Bahn. Ich bin versunken in mein Buch. Schaffe es, die Alltagsgeräusche gekonnt abzuschalten. Die telefonierende Chinesin, die wohl einen Monolog führt, Schulgruppen, Kontrolleure, Penner, die die Motz verkaufen wollen, kreischende Kinder, die knackenden Durchsagen des Schaffners, das dröhnen der Bahntüren. All das verschwindet in einer sich vermengenden Geräuschkulisse und wird zu einem leisen Plätschern in der Ferne. Ich und mein Buch. Bis – ja, bis sich jemand neben mich setzt, der isst. In der Bahn einfach sein Brötchen isst, welches er eben noch beim Bahnhofsbäcker überteuert gekauft hat. Ich werde rausgerissen. Lese die Zeile schon zum dritten Mal. Das Knistern der Tüte, aus der er das Brötchen nicht mal ganz rausholt, das Knacken des Brotes und der Kerne, wenn er rein beißt und ein Stück raus reißt und – schließlich das Kauen, vermengt mit einem Schmatzer. Knistern. Knacken. Kauen. So lautetet der Refrain des puren Wahnsinns. Für mich.

Auf Platz 1 der schlimmsten Lebensmittel mit Special-Effekt ist der Apfel. Dieses altbekannte Geräusch mit dem damals diese Zahnpasta Werbung gemacht hat. Rrrrrrrrratsch. „Damit Sie auch noch morgen kräftig zubeißen können!“ Fickt euch! Ich will nicht, dass ihr kräftig zubeißt. Zumindest wenn ich dabei bin. In der Bahn, in der Uni, in der Bib. Überall.

Wut, Ekel und Aggression

Nur mal kurz erklärt, was das in mir auslöst. Größtenteils ist es Wut, gemischt mit Ekel. Dieses Geräusch liegt auf meiner Brust wie ein riesiger Stein. Ich kann dabei keinen klaren Gedanken mehr fassen, fange an zu schwitzen. Das Blut rauscht in meinen Ohren, ich werde extrem aggressiv und es kostet mich viel Kraft nicht auszuflippen, der Person den Apfel aus den Händen zu reißen und ihr tief in den Rachen zu stopfen, sodass kein Kauen mehr nötig ist. Meistens bleibt es nur bei diesen Gedanken. Aber manchmal kann ich nicht anders und raste aus.

Eine große Stress-Belastungsprobe ist daher meine Lerngruppe. Dort gibt es ein Mädchen, das immer um eine bestimmte fucking Uhrzeit immer dasselbe isst. Ich weiß nicht, was mich rasender macht, dass man die Uhr nach ihrem peniblen Essverhalten stellen kann und damit die Gefahr, dass ich täglich pünktlich um 11 oder 16 Uhr drohe zu explodieren oder das wie. Uff, schon der Gedanke daran …

Immer wenn es so weit ist, suche ich krampfhaft nach meinen Kopfhörern. Ein Kampf gegen die Zeit. Schnell, ganz schnell muss ich ein Lied finden und es abspielen noch bevor es los geht. Schnell! Denn um 11 ist es der Joghurt, den sie aus einer Tupperdose löffelt. Er wird erst gerührt. Der matschig-speckige Sound ist erst der Anfang. Klack, klack, klack. Löffel trifft Plastik. Kennt ihr das? Und am Ende wird der letzte Rest aus jedem Winkel der beschissenen Dose rausgespachtelt und genussvoll abgeleckt. Meistens überstehe ich die Zeit mit Kopfhörern, manchmal bilde ich mir ein etwas zu hören, aber es ist nur in meinem Kopf.

Obstzeit!

Schlimmer noch ist dann der Nachmittag –16 Uhr ist Obstzeit! Und was gibt es? Mein Hass-Objekt. Ehe sich das erste Apfelstück die Speiseröhre Richtung Magen bahnt, habe ich schon eine Wut-Attacke erlebt. Ich höre förmlich wie sie mit ihren Zähnen die Frucht zerstößt, der Kiefer mahlt, sich ihr Mund wegen der Säure zusammen zieht, mehr Speichel produziert wird und sie gierig den Saft mit einem Schmatzer gemeinsam mit dem Apfel-Püree ihre Kehle runter jagt. Alles passiert im Schneckentempo. Anscheinend gab es keine Erziehung, denn dabei spricht sie. Die Zunge schiebt die Apfelstücke bei Seite, während sie beim Sprechen in ihrem Mund tanzen und den Worten ihren Weg versperren. „Wie bitte?“, frage ich mit Absicht. Aber es bringt nichts. Außer mir und zwar Blitzherpes! Zwei Äpfel und eine Stunde später bin ich erlöst. Bis zum nächsten Tag … Bis zum nächsten Tag. Arrrrgggghhh!

Glaubt mir, ich bin schon oft ausgerastet. Dann heißt es: „Du bist Geräusche eben nicht gewöhnt, weil du Single bist!“  Äääähm, ein Mal zurückspulen, bitte! WTF, du blöde Kuh?

Erstens: Was für eine Frechheit! Wie diskriminierend!

Und zweitens: Was hat denn das damit zu tun?

Zum Glück waren meine Freunde bisher immer gut erzogen und haben nicht mit vollem Mund gesprochen. Abgesehen von anderen Dingen, die mich genervt haben, ja, ja. Nein, es geht dabei nicht darum, ob ich einen Bauern zuhause sitzen habe, der isst wie ein Schwein und ich daher Geräusch-resistent geworden bin, meine Liebe!

Das Kind hat jetzt nämlich einen Namen!

Misophonie. Das sagt Wiki: Misophonie (von griech:, μῖσος misos ‚Hass‘und φωνή phonḗ ‚Geräusch‘), wörtlich „Hass auf Geräusche“, ist eine Form der verminderten Geräuschtoleranz gegen bestimmte Geräusche. Es wird angenommen, dass es sich um eine neurologische Störung handelt, charakterisiert durch negative Reaktionen auf bestimmte Geräusche.

In den 90ern taucht der Begriff zum ersten Mal auf, das Neurowissenschaftler-Paar Jastreboff hat sich mit dem Phänomen befasst. Erforscht ist Misophonie seit dem nicht wirklich. In den meisten, nicht repräsentativen, Berichten fallen Worte wie Persönlichkeitsstörung, ein unverarbeitetes Erlebnis in der Kindheit und der Drang nach Perfektionismus. Diese Eigenschaften lassen sich nicht auf die Allgemeinheit übertragen. Denn bei mir trifft das alles auch nicht zu. Allerdings heißt es laut einer anderen Studie, das Misophoniker besonders kreativ und intelligent sind.

Den Schuh zieh ich gerne an. Aber was hat Ausflippen wegen Geräuschen mit Intelligenz zu tun? Ganz einfach: Psychologen gehen davon aus, dass es eine Verbindung von Misophonie und besonderer Kreativität und Intelligenz gibt, da die Betroffenen möglicherweise besser mehrere Dinge gleichzeitig wahrnehmen können. Heißt, man ist unfähig Störfaktoren auszuschalten. Wer also leicht von diesen Störfaktoren abgelenkt wird, weist auch eine höhere Kreativität auf, da sich das Gehirn auf mehrere Sachen auf einmal konzentrieren kann. Da haben wir’s! Zwischen Genie und Wahnsinn liegt eben ein schmaler Grat.

Naja, und ihr so?

Bild: PublicDomainPictures

Diesen Inhalt teilenTweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Email this to someoneShare on TumblrPin on Pinterest

Über Rosa

Schau mal

Bewerber auf dem Weg zu seiner möglichen Festanstellung bewegt sich springend über eine Fläche aus Sicherheitsglas, in der Hand hat er eine Aktentasche

Unterschiedliche Bewerbung für Praktikum und Festanstellung

Grundsätzlich sehen die Bewerbungen für ein Praktikum oder eine Festanstellung ähnlich aus. Inhaltlich können jedoch …

  • Ruth Hahn

    Ich bin nicht allein! Der Apfel scheint aber auch in seiner Grundbeschaffenheit dafür prädistiniert zu sein, dass man ihn hasst 😀

  • Tomke S

    Karotten… im Großraumbüro… wenn Kollege 1 fertig ist mit seiner Tupperdose voller knallorangener Möhrchen, dann fängt die nächste Kollegin an und Kollegin Nr 3 hat gerade Maiswaffeln für sich entdeckt… Schön, dass sie sich gesund ernähren… Aber können sie das bitte in der Mittagspause oder zuhause tun???



Für eine uneingeschränkte Nutzung unserer Website werden Cookies benötigt. Bitte stimme der Verwendung von Cookies zu, um alle Funktionen der Website nutzen zu können. Weitere Informationen

Cookies sind kleine Dateien, die es ermöglichen, auf dem Zugriffsgerät der Nutzer (PC, Smartphone o.ä.) spezifische, auf das Gerät bezogene Informationen zu speichern. Sie dienen zum einem der Benutzerfreundlichkeit von Webseiten und damit den Nutzern (z.B. Speicherung von Logindaten). Zum anderen dienen sie, um die statistische Daten der Webseitennutzung zu erfassen und sie zwecks Verbesserung des Angebotes analysieren zu können. Die Nutzer können auf den Einsatz der Cookies Einfluss nehmen. Die meisten Browser verfügen eine Option mit der das Speichern von Cookies eingeschränkt oder komplett verhindert wird. Allerdings wird darauf hingewiesen, dass die Nutzung und insbesondere der Nutzungskomfort ohne Cookies eingeschränkt werden. Mit dem Aufenthalt auf dieser Website akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies.

Schließen