Mein Studentenalltag mit Depressionen | Studiblog
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Eine Frau sitzt mit angelehntem Rücken auf einer Fensterbank mit nach vorn geneigtem Kopf, so dass die Haare ihr Gesicht verdecken - sie kämpft mit Depressionen, besser gesagt mit Saddy.

Wie sich Depressionen auf den Studentenalltag auswirken

Ein Tag mit Saddy

„Ach, sieht man dich auch mal in der Uni?“

„2,3? Wieso bist du besser als ich!? Du bist nie da!“

„Warst du überhaupt schon mal in der Vorlesung?“

Diese Aussagen und viele weitere darf ich jedes Mal über mich ergehen lassen, wenn ich es mal geschafft habe, mich aus dem Bett zu schälen und einen Fuß vor die Tür zu setzen. Dabei ist das für mich gar nicht so einfach. Sie haben ja Recht; ich gehe eher selten in die Vorlesungen. Gar nicht, wenn sie vor 12 Uhr stattfinden. Das allein ist schon keine gute Basis für eine Klausur –  wenn man dann auch noch kein Wort lernt, ist es nur logisch, dass man bisher mehr Klausuren versaut, als bestanden hat.

„Das kenn ich…“, denkt sich der ein oder andere Leser jetzt vielleicht. Doch bei den meisten dürfte sich folgender Gedanke kristallisieren: „Selbst schuld, wenn sie so faul ist!“

Ich kann diesen Gedankengang nachvollziehen, wirklich. Aber mein Problem ist leider ein ganz anderes, als nur pure Faulheit. Mein Problem heißt Saddy und gehört zur Gattung der Depressionen.

Montag. „Never gonna give you up! Never gonna let you down…“

Mit halb geöffneten Lidern taste ich nach meinem Handy und kann Rick Astley gerade noch davon abhalten, den Refrain noch einmal zu wiederholen. Ich blicke auf die Uhr: 8:30 Uhr. ‚Macht Sinn‘, denke ich mir. Um 10 Uhr ist meine erste Vorlesung und ich muss davor noch duschen. Mein Rucksack ist noch nicht gepackt, die Katze muss gefüttert werden und ich sollte irgendwoher noch etwas Sauberes zum Anziehen auftreiben. Das habe ich gestern durchaus alles gut durchdacht. Kraftlos hebe ich nochmal die Hand und stelle den Wecker auf 9 Uhr. Hinter mir höre ich ein leises Kichern.

13:57 Uhr – verdammt!

Irgendwas scheint schief gelaufen zu sein. Zumindest kann ich mich nicht daran erinnern, dass der Wecker noch einmal geklingelt hätte. Die erste Vorlesung also schon mal verpasst; die nächste beginnt um Viertel nach zwei. Ich drehe mich auf den Rücken und blicke zur Seite. Aus meinen Augenwinkeln sehe ich den schwarzen, menschenförmigen Nebel, der dicht über meinem Bett schwebt und eine Hand um meinen Arm geschlungen hat.

„Das schaffst du doch nicht mehr pünktlich“, sagt Saddy und wirft mir einen zweifelnden Blick zu. „Ich verpasse höchstens zehn Minuten. Den Rest könnte ich mir noch anhören.“ „Wenn du zu spät kommst, starren dich alle an. Du weiß genau, dass du das nicht erträgst. Das schaffst du nicht. Das schaffst du nie.“ Ich seufze resigniert. „Um sechs ist die letzte Vorlesung heute. Die schaffe ich aber.“ „Natürlich“, sagt Saddy lächelnd und streift mit seiner Hand über meine Augen, die sich dankbar wieder dem Schlaf hingeben.

18:30 Uhr – Konzentration…

Eingekeilt zwischen Studenten, die eifrig jedes Wort der Dozentin in ihre Laptops hämmern, sitze ich im Hörsaal und blicke auf mein leeres Blockblatt. Ich sehe nach vorn zum Pult und versuche mich zu konzentrieren. Der Mund meiner Dozentin bewegt sich zwar, doch durch den schwarzen Nebel dringen nur vereinzelte dumpfe Wörter zu mir hindurch. Genervt sehe ich zu Saddy hoch, der es sich auf meinem Block bequem gemacht hat.

„Kannst du dich nicht woanders hinsetzen? Ich verstehe kein Wort!“ Saddy streichelt mir lächelnd über den Kopf. „Das sind ja auch schwere Wörter, die kannst du gar nicht verstehen. Schau mal auf dein Handy, ich glaub dir hat jemand geschrieben.“ Ich schließe die Augen, atme tief ein und aus, dann hole ich das Handy aus meiner Tasche.

Ich habe jetzt keine Kraft mit Saddy zu diskutieren.

20:30 Uhr – Anxiety

Saddy hatte Recht gehabt. Meine Freundin hatte mir geschrieben und mich gefragt, ob ich mit ihr noch in eine Bar gehen möchte. Fragend hatte ich Saddy angesehen und nach kurzem Überlegen hatte er nur mit den Schultern gezuckt. Also sagte ich zu. Nun stehe ich bereits seit einer viertel Stunde vor meinem Kleiderschrank und blicke in gähnende Leere. Viele meiner Sachen liegen im Zimmer zwischen ein paar Müllbeuteln, dutzenden Pfandflaschen und bereits benutztem Geschirr verteilt. Was auf dem Boden gelandet ist, wurde sofort von einem Rudel Wollmäuse überfallen. Davon ist also auch nichts zu gebrauchen.

Ich fluche vor mich hin. Saddy, der es sich auf meinem Bett gemütlich gemacht hat, hebt seinen Kopf und sieht mich vernichtend an. „Was hast du denn erwartet? Wärst du aufgestanden, als dein Wecker geklingelt hat, hättest du was waschen können.“ „Ich weiß…“, sage ich schuldbewusst. Auf dem Schreibtisch vibriert mein Handy. Während ich den Bildschirm entsperre, lässt Saddy sich vom Bett gleiten und stellt sich hinter mich, um mitlesen zu können

Hey, ich hab Simon gefragt, ob er mitkommen will. Der bringt noch ein paar Freunde mit. Aber keine Sorge, die sind echt nett. J

Mich überläuft ein kalter Schauer

Ich spüre, wie Saddy hinter mir langsam seine Arme um mich schlingt und vor meinem Brustkorb seine Hände verschränkt. Seine Umarmung ist fest. Zu fest.

„Saddy, bitte hör auf! Ich kann nicht atmen“, keuche ich, doch der Druck wird nur noch stärker. „Du kannst Simon nicht leiden“, haucht er kühl in mein Ohr. „Wie sind dann erst seine Freunde?“

Apathisch lasse ich meine Finger über die Handytastatur gleiten. „Du weißt doch, wie langweilig du bist. Niemand wird dich beachten und du wirst wie immer allein dasitzen und auf dein Getränk starren. Niemand mag so jemanden. Erspar ihnen das. Erspar es dir selbst.“

Ich nicke. Langsam, nur ganz langsam lockert Saddy seinen Griff bei jedem Wort, das ich in das Handy eintippe.

Es tut mir echt leid, aber ich schaff es glaub ich nicht.  Mir ist kotzübel, vielleicht hab ich was Schlechtes gegessen. Bitte sei mir nicht böse!

Sanft, aber bestimmt zieht Saddy mich zum Bett. Ich lege mich neben ihn und, immer noch mit dem Handy in der Hand, drehe ihm den Rücken zu. Eine einzelne Träne rinnt über meine Wange, während ich meinen Stundenplan für den morgigen Tag checke. Anschließend öffne ich die Wecker-App und stelle den Alarm auf 8:30 Uhr. Hinter mir höre ich ein leises Kichern.

Ihr seid mit euren Depressionen oder Ähnlichem nicht alleine:

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Bild: pixabay

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