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WG-Casting des Grauens

WG-Geschichten [Teil 1]: Das Casting

Kathi und ich führen nun schon die geschätzt hundertfünfzehnte Bewerberin durch unsere WG.

WG-Casting #115

„Ich bin ja total pflegeleicht“, erzählt sie fröhlich. „Ich bin ganz leise, man hört gar nicht, wenn ich da bin. Aber ich kann natürlich auch richtig Party machen“, fügt sie schnell hinzu. „Party machen und still sein, das sind meine größten Hobbys. Natürlich putze ich auch unglaublich gerne und koche für die ganze WG.“ Sie wirft einen Blick ins Zimmer, das wir nicht angerührt haben, seit Mona dort ausgezogen ist. „Ich streiche auch wahnsinnig gern!“, ruft Nummer 115 begeistert. „Ich kann auch gar nicht abwarten, dieses große Loch in der Wand dort auszubessern! Ich mag es, wenn es reinregnet, hat doch was von Camping. Ach, der Teppich da ist ja charmant!“

Teppich? Ach ja, das versiffte Schaffell namens Sören, das fast nur noch aus Brandflecken besteht. Wir wissen nicht, welche Spezies sich darin schon entwickelt haben. Kaum zu glauben, dass Mona es vergessen hat, manchmal hat sie tagelang darauf gewohnt.

Das hoffnungsvolle Grinsen ist der Bewerberin noch ins Gesicht gemeißelt, als wir sie zur Wohnungstür geleiten. Es sieht schon schmerzhaft aus.

„Also, wir melden uns dann“, verabschiedet Kathi sie höflich mit unserem Standardspruch. Nummer 115 sieht ihre Felle davon schwimmen.

Wilde Panik schleicht sich in ihre Augen

„Ich wäre eine tolle Mitbewohnerin!“, kreischt sie und klemmt ihren Fuß in die Tür, die Kathi zu schließen versucht. „Ich kaufe immer ein! Ich übernehme die komplette Miete! Bitte, ich wohne seit drei Monaten in einem Vorratsschrank. Der kostet 1000 Euro kalt!“ Es braucht unsere vereinten Kräfte, um die Tür zuzuschieben. „Ich tue alles!“, hören wir gerade noch, bevor sie krachend ins Schloss fällt.

„Die war recht unaufgeregt“, kommentiere ich und Kathi nickt.

„Ja, vergleichsweise unaufdringlich“, stimmt sie mir zu. „Erinnerst du dich an Nummer 81?“
„Der, der sich an die Heizung gekettet hat?“

„Hmm.“

Die Kratzspuren an den Wänden zeugen noch immer von einem verzweifelten Kampf mit drei Polizisten und einer Kreissäge.

Als ich am nächsten Tag von der Uni heimkomme, öffnet sich die Wohnungstür, bevor ich den Schlüssel im Schloss umdrehen kann.

„Hallo!“, begrüßte mich eine fröhliche, aber unbekannte junge Frau.

„Hi …“, erwidere ich verunsichert.

„Wie war die Uni?“, fragt sie, während ich mich aus meiner Jacke pelle und verzweifelt versuche, das Gesicht zuzuordnen. Nein, sie ist mir völlig unbekannt, da bin ich mir relativ sicher.

Mein Blick fällt in Monas ehemaliges Zimmer. Es ist komplett eingerichtet, die Löcher in Wand und Decke sind verschwunden, alles ist gestrichen. Sören scheint gewaschen worden zu sein. Sicherlich wurden dabei ganze Ökosysteme zerstört. Noch unter meinen Augen beginnt er aber, schon wieder neue Patina anzusetzen.

„Wer bist du?“, frage ich verwirrt.

„Na, Charlotte. Deine Mitbewohnerin.“

Sie sieht mich an, als sei ich geisteskrank. „Alles in Ordnung mit dir?“ Sie runzelt besorgt die Stirn.

„Ich bin mir einigermaßen sicher, dass ich dich nicht kenne“, murmle ich, aber ich bin verunsichert.

„Komm mit, ich mach dir erstmal einen Tee“, schlägt Charlotte vor und führt mich in die Küche. Zielsicher steuert sie unseren Teevorrat an. „Mal sehen … Macadamia-Papaya-Chili?“, liest sie von der ersten Packung ab. „Trüffel-Schokoladenkuchen-Roiboos … Matcha-Tiramisu …“

„Ich mach mir selbst einen“, halte ich sie auf. Ich gehe zum Kühlfach, hole das Vanilleeis heraus und häufe es in einen Becher. Gieße Milch darüber, mixe alles kräftig durch und hänge schließlich einen Grünen Tee-Beutel hinein, damit es gesund wird.

„Oh guck mal, ich hab ja ein Tattoo!“, freue ich mich, als ich das Sternchen auf meinem Handballen entdecke, das in meiner Jugend voll in war und gerade wieder in Mode kommt. Allmählich akzeptiere ich die Tatsache, dass mein Gedächtnis löchrig genug sein könnte, eine Mitbewohnerin zu vergessen.

Irgendetwas stimmt hier nicht…

„Hast du irgendwie auch das Gefühl, dass hier was nicht mit rechten Dingen zugeht?“, frage ich Kathi, während wir Charlotte aus dem Wohnzimmer dabei beobachten, wie sie ihre Gummibärchen nach Farben sortiert. Sie nickt.

„Ich glaube, Charlotte hat mein Müsli aufgegessen.“

„Das meine ich nicht“, erwidere ich. „Ich habe eher so das Gefühl, dass sie erst heute morgen hier eingezogen ist. Ohne uns zu fragen.“

Kathi schüttelt den Kopf. „Sie hätte innerhalb weniger Stunden hier einbrechen und das Zimmer komplett renovieren und einrichten müssen. Außerdem sind überall ihre Sachen. Wir haben sogar Fotos, auf denen wir zusammen drauf sind.“

Ich schaue mir die gerahmten Bilder von uns an, auf denen Charlotte aus unerklärlichen Gründen immer nachträglich dazugeklebt wurde. An der Wand hängt außerdem eine Karte zum Einzug von meiner Mutter. „Liebe Maya und liebe Kathi“, steht ganz oben und daneben etwas kleiner „und liebe Charlotte“. Irgendwie scheint meine Mama zwischen Kathi und Charlotte sowohl Stift als auch Handschrift geändert zu haben. Seltsam.

„Naja, dann können wir uns das WG-Casting ja schenken“, sage ich.

„Gott sei Dank“, flüstert Kathi und bricht in Freudentränen aus.

Bild: pixabay

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Über Mairce H. Asé

Mairce H. Asé lebt in Mainz, wo sie dem glamourösen Leben einer studierten Vollzeitgeisteswissenschaftlerin frönt. Manchmal verläuft sie sich in den zweiunddreißig Zimmern ihrer Villa und muss von ihrem Wollschwein Bert gerettet werden. Wenn sie den wichtigsten Menschen in ihrem Leben, den Laptop, gerade findet, verfasst sie darauf Texte für andere Vollzeitgeisteswissenschaftler.

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