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Offen über das Thema Abtreibung sprechen - Ein Fötus in den Kelchblättern einer Physalis abgebildet.

Kinderlos – Das Thema Abtreibung offen ansprechen?

Der Gang des Lebens läuft angeblich in vorgezeichneten Bahnen.

So war es mal. Ein Baby, dann Kleinkind, Kind, Jugendliche, Erwachsene, Mutter, irgendwann mal Oma.

An sich hat sich an dem Kreis nicht viel geändert, nur ist es seit einem halben Jahrhundert, an einigen Orten noch später, üblich, dass man als Frau noch die Ausbildung/Studium nach der Schulzeit reinpackt, danach natürlich noch die Erwerbstätigkeit und das alles irgendwie miteinander kombiniert.

Reproduktion

Nun, das Thema Reproduktion wurde im aufgeklärten Umfeld schon früh theoretisch an uns herangetragen. Dann die Praxis. Es war ein Alter, wo man keine Entscheidungen fällen musste. Als gerade-nicht-mehr-Mädchen-aber-doch-noch-nicht-ganz-erwachsen war es kein Thema. Man sammelt Erfahrungen, Schwangerschaft ist aber eindeutig eine Gefahr, die es zu vermeiden gilt. Ich hatte wohl mehr Glück als Verstand, als mein Erstlover ungefragt anbot, ein Kondom zu benutzen. Ich gebe zu, im damaligen Liebesrausch hätte ich es am Ende sogar ohne riskiert.

Aber eh war ich bald schon doppelt geschützt. So absurd das jetzt klingt, es war für uns 16-Jährigen cool, die Pille zu nehmen. Echt. Damit war man erwachsen, fast schon ein Statussymbol unter Teenies und die Diskussion drehte sich darum, wer die Leios, Valette oder Diane nimmt.

Szenenwechsel

Mehrere gebrochene Herzen später sitze ich in der Unibibliothek. Gedanken kreisen darum, was für eine Zukunft man mit Geisteswissenschaften hat, welcher DJ am Dienstag auflegt und ob es mit 22 noch cool ist, ein Zungenpiercing zu tragen. Daneben brodelt die böse Welt, Klimawandel, Kriege, Rechtsextremismus. Kippen drehe ich selbst, die Haare bekommen auch im WG-Badezimmer die neue Farbe. Das Studentenleben ist geil. In jeder Hinsicht.

Dann die Frage

Kind. Kein Thema. Verhütung. Ja. Aber. 6 Jahre künstliche Hormone. Unterstützung der Pharmamafia, zwittrige Fische in unseren Seen, Thrombosegefahr und 78 Euro alle 6 Monate. Grund genug aufzuhören. Unreine Haut, pendelt sich wieder ein, gesteigerte Libido, Fettpolster sind verschwunden. Gute Entscheidung.

Break.

Das war vor 2 Jahren.

Jetzt schlafe ich mit ihm. Manchmal einmal in drei Wochen, manchmal fünfmal die Woche. Sobald unsere Freundschaft und Affäre den Status einer Beziehung zu erlangen scheint, fahren wir wieder runter. Thema Verhütung. Er hat es angesprochen. Nein, ich nehme nie wieder die Pille. Vielleicht die Spirale. Oder so eine Kupferkette.

Ende Juni 2017

Natürlich, es sind erst 28 Tage her, nicht 32, ich habe mich verzählt. Alternativ, manchmal länger, manchmal kürzer. War ja auch schon mal bei 36 Tagen. Sowieso, der Sommer, der Alk, das Rauchen, der Sport, der Stress. Anfang Juli wache ich aber schon nervös auf. Und zwischen Shampoo und Nagellack packe ich einen Schwangerschaftstest in meinen Einkaufskorb.

Positiv.

Er ist positiv. Kein Zweifel. Wo ist aber das Problem? Ich bin 24 Jahre alt, sozial weniger, aber bildungstechnisch eher der Elite der Gesellschaft angehörig. Ich kann improvisieren, bin gesund. Und sowieso, Studium und Kind gehen ganz gut, es gab ja sogar so eine Art Werbekampagne der Uni vor wenigen Jahren dafür. Ich bin frei, emanzipiert. Selbst wenn mein FreundAffärePartner nichts taugt, Alleinerziehend ist keine Schande, sondern ein akzeptiertes Lebensmodell.

Zwei Wochen später, um halb Zwölf in der Nacht stecke ich meine Geldkarte in den Zigarettenautomaten. Ich brauch es zur Beruhigung. Ich habe mit IHM telefoniert. Er ist sich ja so unsicher. Und mit meiner besten Freundin. Ist ja ungünstig im Studium. Und Morgen gehe ich zur Beratung, ich bin schon nervös.

Ich bin Studentin. Was gibt es für Hilfen?

Ja, ich sehe jetzt den Tatsachen ins Auge, es geht nur mit Hilfen. Nicht von selbst.  Wo bekommt man Geld? Besteht Chance auf länger BAföG? Am Ende ist es meine Entscheidung, sagt mir die Beraterin. Ich frage zurück. Wie ist die Quote bei Studentinnen? Also Studentinnen, die schwanger sind und die es behalten?  Und solche die es nicht behalten?

Sie sagt mir die Wahrheit. Sie ist ernüchternd. Bei uns in der Studentenstadt kämen ja viele Studentinnen zur Beratung. Und wenn sie es aufs Jahr hochrechnet und die Zahlen ansieht der Uni, wie viele Studentinnen ein Kind haben. So ist es eindeutig. Nur die Minderheit entscheidet sich für ein Kind.

Mehrheit oder Minderheit. Mir egal. Ich gehe meinen Weg. Ich lasse die erste Frist verstreichen. Den Zeitpunkt, wann ein Abbruch noch mit der Pille möglich wäre.

Ich plane, wäge ab.

Am 14. August 2017 bin ich um halb acht Uhr morgens schwanger in der Woche 12 plus 3 (Tage).

Um zehn liege ich in einem Raum mit vier anderen Frauen. Zwei davon Studentinnen, plus ich. Wir sind alle nicht mehr schwanger. A-Frau, in meinem Alter, erzählt, dass sie in der 6. Woche war, sie wollte es früh machen, sagt es fast vorwurfsvoll. Ich antworte, rechtfertige mich. Ich brauchte Zeit, mich zu entscheiden. Sie fragt zurück: Aber du bist doch Studentin? Ich nicke zu. Genau. Sie hat Recht. Im Prinzip erfasst sie es klüger als ich. Studentin und Kind, das ist wirklich nur für eine Minderheit eine Option.

In den 1-2 Stunden, in denen wir zusammen im Zimmer liegen, reden wir alle miteinander, mehr oder weniger. Studienfach, dass es das zweite Mal war bei einer, Verhütung, Musik. Das Gespräch endet mit dem Stauthema. Mittags ist ja wenig Verkehr. Wir werden je einzeln abgeholt.

Als hätte es die Abtreibung nie gegeben

Heute war ich schon in der Unibibliothek, noch etwas kopieren und korrigieren. Ein Tag wie jeder andere. Die Binde muss natürlich noch häufig gewechselt werden, es zieht leicht. Niemand ahnt, dass ich am Wochenende noch schwanger war. Niemand würde darüber reden. Aus der Praxis raus und das Thema ist für alle Betroffenen schubladisiert. Und wenn ich jetzt noch sagen würde, dass ich mich nicht mal schlecht fühle…so würde es gar Niemand akzeptieren.

Lieber wird mal in der Unizeitung sicher ein Artikel geschrieben über Studentinnen mit Kind. Und wie schön und cool doch so was ist.

Und wir schweigen.

Die Fakten:

  • Weil kein richtiges Einkommen, wurde der Abbruch von der Kasse übernommen.
  • Legal, bzw. straffrei ist ein Abbruch bis zur 14. Woche nach der letzten Regel, d.h. SSW 14. Aber nicht alle Ärzte führen den Abbruch so spät noch durch.
  • Im OP war ich etwa 10 Minuten, davon 8 Minuten in Narkose. Länger hat die Operation nicht gedauert.
  • Im Arztbericht wird u.a. festgehalten, dass ich Blutgruppe A+ habe, in der 13. Woche war, Krankheitsbild war ein Schwangerschaftskonflikt, Art der Hegarstifte werden genannt und dass makroskopisch eindeutig Schwangerschaftsgewebe sichtbar war. Eine Umschreibung. Da lag Fötus in diesem Zustand da vor, schreibt natürlich kein Arzt rein. Sowieso, Embryo, Fötus, Kind, diese Begriffe wurden von der Beratung bis zum Eingriff von allen Beteiligten vermieden.
  • Bereits am Tag des Eingriffs habe ich begonnen, die Pille zu nehmen. Stabilisiert auch den Zyklus. Ich mache keine Experimente mehr.
  • Abgeholt hat mich meine Freundin. Mein Bettkumpan wünscht keinen Kontakt mehr mit mir.
  • Jährlich brechen in Deutschland über 100.000 Frauen ihre Schwangerschaft ab. Ich kenne keine, bzw. keine, die es mir gesagt hat. Müssen wir dazu schweigen? Wahrscheinlich ja. Wahlweise sind wir wohl Versagerinnen oder gefühllose Wesen. Schade, kann man das Thema Abtreibung nicht offen ansprechen?

Du bist in einer ähnlichen Situation? Alleine musst du da nicht durch: Beratung

Bild: pixabay

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Über Jacqueline

Mitte 20, irgendwannmehroderbald mal Master. Geisteswissenschaften in Mitteldeutschland. Mal blond, mal dunkel. 4 Tattoos von verpfuschter Jugendsünde bis endgeil und nur noch drei Piercings. Rauchende Sportlerin mit Hang zu Konsum und gleichzeitig Gesellschaftskritik.

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