Warum der Religionsunterricht obsolet geworden ist
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Der Religionsunterricht ist obsolet geworden: Ein Mann und zwei Frauen stehen vor einer Klasse, in der Mitte hängt ein Spiegel, auf dem ein Kreuz zu sehen ist.

Warum der Religionsunterricht obsolet geworden ist

Warum ich als Religionslehrerin glaube, dass der Religionsunterricht obsolet geworden ist

Ein reißerischer Titel gleich zu Beginn, den ich sofort entschärfen möchte. Erstens bin ich noch keine fertige Religionslehrerin (und Lehramt ist quasi nur mein Zweitstudium) und zweitens spreche ich hier von einer ganz bestimmten Art des Religionsunterrichtes:

Dem konfessionellen Religionsunterricht

In Österreich werden Schülerinnen und Schüler (SuS) schon mit Beginn des Eintritts in das staatliche (oder private) Schulsystem, aufgrund ihrer Konfessionszugehörigkeit, voneinander getrennt. Hierbei wird nicht nur zwischen Christen, Muslimen und anderen staatlich anerkannten Religionen unterschieden. Auch innerkonfessionell, zB. zwischen Protestanten und Katholiken, gibt es eine verpflichtende Trennung.

Nun macht diese Unterscheidung und gesonderte Behandlung natürlich theologisch, religionsgeschichtlich, so wie inhaltlich Sinn. Die evangelische Kirche hat ein anderes Glaubensbekenntnis als die katholische Kirche und allgemein hin kann behauptet werden, dass es noch nie so etwas wie ein tatsächlich einheitliches Christentum gab. Für andere Religionen gilt das natürlich umso mehr. Warum aber stoße ich mich nun an unserem konfessionellen Religionsunterricht, wenn es doch notwendig scheint, dass SuS verschiedener Religionen, im weitesten Sinne, einen gesonderten Unterricht besuchen müssen ?

Zuerst muss festgehalten werden, dass ich in keinster Weise für die Abschaffung eines Religionsunterrichtes im Allgemeinen bin. Was passieren würde, wenn man Religion zur reinen Privatsache erklärt: Sie würde sich schnell in unkontrollierbaren und undurchsichtigen Lehrmeinungen und Ideologien verlieren, die fundamentalistischen Strömungen und Gedankengut die Türe öffnen würde. Es ist absolut notwendig und im Interesse jedes Staates und jeder Gesellschaft, dass gut ausgebildete und verständige Personen, die eine berechtigte Unterrichts- und Lehrgenehmigung haben und sowohl von den Kirchen/Glaubensgemeinschaften als auch dem Staat beauftragt sind, an Schulen wirken.

Religion wird nie vollständig privatisiert werden können

Und wer in dem Glauben lebt, dass sie heute keinen Einfluss mehr auf die Welt, die Menschen in ihr und ihr Geschehen nimmt, der irrt fatal. Schon Jürgen Habermas erkannte: „Wir leben in einer postsäkularen Gesellschaft, die Religion ist aber nicht ausgestorben durch die Aufklärung.“ Es wäre ein großer Fehler, Religion und religiöses Denken in den Untergrund absinken zu lassen, ohne darauf Einfluss nehmen zu können, was dort gelehrt und verbreitet wird.

Das Problem liegt für mich also nicht am Religionsunterricht und seiner Brechtigung im Lehrplan an sich, sondern an der Ausführung des selbigen. Ich halte es nicht für notwendig oder gar förderlich, dass SuS, aufgrund ihrer Glaubenszugehörigkeit, schon so früh und so deutlich voneinander getrennt werden. Ab- und Ausgrenzung passiert generell viel zu leicht und auch zu leichtfertig. Das Bild, das wir den jungen Menschen in unseren Schulen damit vermitteln, ist das einer getrennten und gespaltenen, unterteilten Gesellschaft. Sicherlich, entsteht so auch ein ‚Wir‘-Gefühl, aber dieses kommt so nur durch ein ‚Wir‘ und die ‚Anderen‘ zustande.

Auch am Inhalt sollten wir feilen

Nicht nur symbolisch ist die Trennung nach Religionszugehörigkeit für mich ein Problem, dessen Ausmaße wir uns, in einer religions-politisch aufgeheizten Zeit, vielleicht noch gar nicht bewusst sind, sondern auch inhaltlich. Mit dieser Vorgehensweise verpassen wir es, nicht nur Einheit, sondern auch Verständnis zu schaffen und grundlegendes Wissen zu vermitteln, um den späteren Umgang miteinander anders und vor allem besser zu gestalten.

Sich über andere Religionen, deren Lehren und Inhalte Gedanken zu machen und sich mit ihnen außeinanderzusetzten, war lange Zeit über in Österreich schlichtweg einfach nicht notwendig. Selbst der Protestantismus ist hier nur sehr spärlich vertreten und im ehemaligen römischen Kaiserreich von Gottes Gnaden gab es mit Menschen anderen Glaubens wenig Berührungspunkte. (Hier klammere ich das große und schreckliche Kapitel des Judentums in Österreich aus, welches hier nicht bearbeitet werden kann und soll, sicherlich aber auch als ein Beispiel für mein Anliegen zur Änderung unseres Religionsunterrichts-Modells, angeführt werden kann.) Dies verändert sich aber in unserer globalisierten Welt zunehmend.

Modell: Religionswissenschaftlicher Unterricht

In Großbritannien, das durch seinen geschichtlichen Hintergrund und Werdegang, schon viel früher mit ‚dem Anderen‘ konfrontiert war und in dieser Beziehung keinen unproblematischen Umgang gefunden hat, ist der Religionsunterricht nach wie vor ein unumstrittener und wichtiger Bestandteil des Lehrplans. Allerdings in einer anderen Ausführung, wie wir das in Österreich kennen. Das Modell des Religionsunterrichts in Großbritannien ist das eines religionswissenschaftlichen Unterrichts.

Der größte Unterschied zum konfessionellen Religionsunterricht ist inhaltlich der, dass im religionswissenschaftlichen Religionsunterricht über und nicht in Religion unterrichtet wird. Auf diese Weise werden sämtliche Religionen behandelt (und das ist das ausdrückliche Ziel!), es wird ein Überblick geschaffen und Einsicht gewährt, die einer modernen Schule in all ihrer Diversität und Vielheit viel eher gerecht wird. Mit diesem Modell ist es nicht länger notwendig, SuS aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit voneinander zu trennen und so ganz klare räumliche, aber vielleicht auch gedankliche, Grenzen zwischen ihnen aufzuziehen.

Religion als Studium

Das Studium der Religionswissenschaften ist ein bereits bewährtes und anerkanntes Studium und würde sich, wie schon in anderen Ländern gezeigt, hervorragend auf ein Lehramtsstudium ummünzen lassen. Persönlich würde ich es auch aus der Sicht einer Lehrerin begrüßen, SuS über ihr Wissen über eine Religion und nicht in ihrer Religion und in ihrem Glauben benoten zu müssen. De facto ist der konfessionelle Religionsunterricht hier nämlich in einem nicht wirklich definierten Graubereich unterwegs.

Doch wer darf Religion dann unterrichten?

Auf die Frage, wer denn nun einen solchen religionswissenschaftlichen Unterricht lehren dürfe und ob man hier, wie es teilweise für den Ethik-Unterricht gefordert wird, Personen mit einer konfessionellen Zugehörigkeit ausschließen sollte, beziehe ich eine sehr klare Position. Jeder sollte einen religionswissenschaftlichen Unterricht führen dürfen, wenn er oder sie die entsprechende universitäre Laufbahn und Ausbildung dafür, erfolgreich, durchlaufen hat. Die Religionswissenschaft ist eine Disziplin, die wie jede andere Wissenschaft versucht, möglichst objektiv zu sein, dies aber aus logischen Gründen heraus natürlich genauso wenig schafft, wie andere Wissenschaften auch. Ich halte es persönlich für einen Vorteil, wenn für die SuS, nicht zuletzt aber auch für die Lehrpersonen, ganz klar ist, aus welcher ‚Ecke‘ heraus sie kommen.

Aus bereits gesammelten Erfahrungswerten des zwanzigjährigen Schulversuchs des Ethik-Unterrichts an österreichischen Schulen kann festgestellt werden, dass sich sogar katholische Theologen, mit entsprechendem Studium, in diesem Feld zweifelsfrei souverän bewegen können und dieser nicht zu einer ‚Hintertür‘ für altherkömmlichen Religionsunterricht wird. Das Bestreben, möglichst wertfrei und aus keinen persönlichen Überzeugungen und Motiven heraus zu unterrichten, gilt übrigens in jedem Fach.

Das ist die Zukunft

Zu diesem Thema könnte ich jetzt noch mehr und noch länger schreiben, aber die wichtigsten Positionen und Punkte habe ich mit diesem Text vielleicht abgedeckt. In meinen Augen ist diese Form des Religionsunterrichts die Zukunft. Dass der Religionsunterricht an sich Zukunft hat und Zukunft haben muss, scheint für mich, rein gesellschaftlich, außer Frage. Warum sich aber so wenig in die religionswissenschaftliche Richtung in Sachen Unterricht bewegt, ist vermutlich hauptsächlich eine strukturelle Macht-Frage, in der die Politik sich nicht traut, tatsächliche Veränderungen zu setzten und die katholische Kirche fürchtet an Einfluss und Bedeutung zu verlieren. Dass das kurzfristig gedacht und punktuell vielleicht so erscheinen mag, kann ich verstehen. Wichtig wäre hier aber über seinen eigenen institutionellen (und menschlichen) Schatten zu springen und das große Ganze im Blick zu haben.

Ein Konzept, das funktionieren könnte

Anmerken möchte ich abschließend auch noch, dass die Einführung eines religionswissenschaftlichen Unterrichtes nicht zwingend das Ende jedes konfessionellen Religionsunterrichtes bedeuten muss. Mir persönlich erscheint der verpflichtende Besuch eines einführenden religionswissenschaftlichen Unterrichts über Religion, für alle SuS, in der Unterstufe sinnvoll. Es wäre zu überlegen, ob man für Oberstufen-Klassen nicht wahlweise konfessionellen Religionsunterricht anbieten könnte, für diejenigen, die sich in ihrem eigenen Glauben beheimatet fühlen oder gezielt konfessionell unterrichtet werden möchten und den Gedanken Gottes, in einer bestimmten theologischen Richtung, für sich weiter in diesem Rahmen entdecken wollen.

Dadurch geht der christliche Glauben, oder die Bedeutung der katholischen Kirche auch nicht wesentlich zurück. Auf Erstkommunion und Firmung wird einfach, wie auch jetzt schon, in den Gemeinden selbst vorbereitet. Dass man Kirche, die zu ihrem größten Teil Gemeinschaft sein soll, nicht einfach an Schulen und ReligionslehrerInnen auslagern kann, haben die letzten Jahrzehnte ja wohl mit ihrem Kirchenbesucherschwund anschaulich bewiesen. Das wäre die Chance der Kirche sich wieder wahrhaftig in das Leben der Jugendlichen und Familien einzubringen. Gerne auch mit der Hilfe und Unterstützung durch die ReligionslehrerInnen,  nur eben an einem anderen Ort.

Ein Modell, das es auf jeden Fall wert ist zu diskutieren. Oder nicht?

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