Der Zölibat: Die Entscheidung für ein Leben ohne Sex
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Der Zölibat: Auf einem Werbeschild mit einer Frau in Unterwäsche klebt ein Schild, auf dem steht: Jesus the way, the truth the life

Der Zölibat – Leben ohne Sex

Warum heute Theologie studieren?

Das wurde ich für eine diözesane Website mal gefragt. Vielleicht auch synonym mit der Frage: „Warum sich so etwas heute antun?“ Ich habe damals geantwortet: „Am Beginn meines Theologiestudiums stand die pure Neugierde und viele Fragen nach einem Mehr in dieser Welt und aller Menschen in ihr. Das Theologiestudium ist für mich ein Abenteuer des Denkens und des Glaubens in dem und an dem man wachsen kann. Meine Faszination ist ungebrochen.“ Ungefähr so.

Mit mir studieren natürlich auch viele junge Männer und Frauen, die ihr Leben, so wie ich auch, ganz Gott widmen wollen. Einige von ihnen sind Single, einige verheiratet, manche von ihnen haben ihren Weg mit und für Gott in einer Ordensgemeinschaft gefunden, nochmal andere fühlen sich zum Priester berufen. Es gibt ganz viele unterschiedliche Wege zu und mit Gott und jeder findet den seinen. Suchende bleiben wir aber vermutlich in gewisser Weise alle.

Für gewisse Lebensformen gilt innerhalb der katholischen Kirche der Zölibat. Das für jeden gut zugängliche (aber nicht immer korrekte oder akkurate) Kathpedia beschreibt den Zölibat als: Zölibat, der (lat. Coelibatus, von coelebs = unvermählt) – ist die vom katholischen Priester oder Ordensangehörigen, sowie bisweilen auch von Laien freiwillig übernommene Verpflichtung, die Keuschheit in Form der lebenslangen Ehelosigkeit. Das würde ich mal so unterschreiben.

Ist der Zölibat noch zeitgemäß?

Innerkirchlich, aber auch außerkirchlich und gesellschaftlich, ist der Zölibat wohl eines der umstrittensten Themen. Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der deutschen und österreichischen Christen wollen, dass die Kirche das Zölibats-Gesetz ändert oder gar ganz abschafft. Immer wieder werden Stimmen laut die sagen, dass der Zölibat heute nicht mehr zeitgemäß ist und steht unter heftiger Kritik.

Dem stimme ich insofern zu, als dass ich sage, dass der Zölibat in der Tat nicht zeitgemäß ist. Aber nicht nur heute nicht, sondern überhaupt noch nie. Der Zölibat war noch zu keinem Zeitpunkt in seiner Geschichte, seitdem Männer (und Frauen) Jesus nachfolgen wollen und sich in dieser Weise in seine Nachfolge für die Menschen stellen wollen, zeitgemäß. Früher, als die Zeugung von Nachkommen und Kindern noch so viel entscheidender für das eigene Überleben war als heute, sicherlich noch viel ‚unzeitgemäßer‘.

Der Zölibat ist provokant, weil er radikal ist, aber eines gilt ganz deutlich zu sagen: niemand wird gezwungen den Zölibat zu leben. Die Entscheidung für Jesus und der persönlich entsprechenden Nachfolge sind immer frei. Bis ins Letzte hinein. Wer heute katholischer Priester wird weiß, welchem Ideal er versucht nachzustreben und muss sich bewusst in diese Richtung prüfen.

Mit dem Zölibat wird niemand überrascht

Einerseits also erscheint es mir wichtig, die Freiheit in dieser Entscheidung zu betonen, mit der Menschen sich dafür entscheiden; andererseits ist es auch wichtig herauszustreichen, dass der Zölibat nicht nur ein Gesetz, sondern in erster Linie eine Lebensform und Lebenshaltung ist. Man kann verstehen, dass der Zölibat im Dienste der Menschen, ganz besonders in der der Seelsorge steht, für die sich der Pfarrer verantwortlich zeichnet. Er bringt ein großes Opfer dar, für die Gemeinde, in deren Dienst er sich vollkommen stellt. Geistig und körperlich. Für andere. In bedingungsloser geschwisterlicher Liebe.

Natürlich sind auch zölibatär lebende Menschen, Männer und Frauen, wie du und ich und haben Bedürfnisse nach Zweisamkeit, Zärtlichkeit und Sex. In einem Priester oder einer Ordensperson, begegne ich einem Menschen, der alles (auch die menschlichen und irdischen Begierden und Bedürfnisse; ein Stück weit damit auch sich selbst, um Gott wirklich wirken zu lassen) aufgibt und ihm nachfolgt, aus radikaler Gottesliebe, die immer auch Nächstenliebe ist (!).

Der Priester/der Mönch/die Schwester ist ein Mensch, der sein ganzes Leben, sein ganzes Dasein hergeben will und herschenkt für Gott, für andere. Für dich und mich. Der selbst große Opfer darbringt, um für dich da zu sein. Einen Menschen, den er vielleicht noch nicht einmal kennt. Ein Mensch, der diesen Weg für sich wählt ist nicht ‚krank‘ oder ‚verklemmt‘ oder ‚falsch im Kopf‘. Ganz im Gegenteil, dieser Mensch ist einer derjenigen in unserer hyper-sexualisierten Gesellschaft, der eine große Beziehungsfähigkeit aufbringt.

Sex ist nicht gleich Liebe

„Gerade in der katholischen Kirche geht doch nichts über Ehe und Familie!“, meinen viele empört „Hinter dem sexuellen Akt steckt doch auch die Schöpfungskraft Gottes!“ und liegen damit in ihrer Aussage nicht ganz falsch, aber eben auch nicht ganz richtig. Die zölibatäre Lebensform ist genauso gleich wichtig und gleichwertig und lebensbejahend. In meinen Augen sogar noch mehr als das.  Es ist eine (Opfer)Bereitschaft, die noch einmal so unendlich viel mehr ist als der hohe geistliche Wert in diesem (körperlichen) Zölibat-Versprechen. Der zölibatär lebende Mensch verzichtet auf eine exklusiv körperliche Liebesbeziehung um offen zu sein für sehr, sehr viele Menschen und da Liebe in einer anderen Form zu leben und weiter zu tragen.

Zölibat heißt: Liebe für alle - was als Sticker auf einer Laterne klebt

Es wird viel diskutiert, ob der Zölibat tatsächlich verpflichtend sein muss. Gerne werden dann die evangelischen Kirchen als Beispiel dafür aufgezeigt, dass Kirche ja auch anders funktionieren kann. Dass es kein Hindernis ist, wenn gerade PriesterInnen nicht enthaltsam leben. Das stimmt so natürlich auch nicht ganz und die evangelische Kirche hat dadurch auch ganz eigene spezielle Probleme, die sich durch diese Form der Lebensführung für ihre PriesterInnen auftut. Perfekt ist nichts, weil wir Menschen es nicht sind. Alles ist letztlich Opfer und Kompromiss und muss es vermutlich auch sein.

Wichtig ist es, die richtige Lebensform für sich zu finden

Ob diese nun zölibatär ist oder nicht, bleibt jedem selbst überlassen. Schade finde ich in den Diskussionen, die darüber geführt werden nur immer, dass Menschen die sich für ein (in allen Formen! Sex ist nur ein Teil davon) enthaltsames und keusches Leben entscheiden, vielfach schief angeschaut oder belächelt werden. Gern auch mal so unter dem Motto „Naja, mit dem/der stimmt sicher was nicht…“. Vielleicht sollten wir uns einmal fragen, wieso wir es so seltsam finden, wenn jemand mit Selbstdisziplin und Bereitschaft verzichtet, in einer Welt, in der wir dazu verleitet werden gierig immer mehr zu nehmen und Maßlosigkeit und instant-gratification Lifestyle ist. Das gilt übrigens nicht nur für unser Konsum- sondern auch unser Beziehungsverhalten; oder die Art und Weise in der wir versuchen möglichst bindungsfrei zu leben.

Persönlich vertrete ich in der innerkirchlichen Debatte über den Zölibat den Standpunkt, dass dieser seine (biblische) Berechtigung hat und eine mögliche und auch erfüllende Form der Lebensführung sein kann. Ihn als ‚krank‘ oder dergleichen abzutun wäre gänzlich verfehlt und versteht auch die Kernessenz des Themas nicht. Ich finde aber auch, dass die katholische Kirche sich insofern öffnen könnte, als dass sie es vielleicht in Zukunft Priestern ermöglicht frei zu wählen, ob sie sich für die sexuelle Enthaltsamkeit entscheiden oder nicht. Die Frage, ob Seelsorge und die priesterlichen Aufgaben nämlich dadurch wirklich nur bereichert und in vielen Fällen nicht auch behindert werden, ist nämlich nicht pauschal zu beantworten.

Ein Leben ohne Sex ist möglich

Zusammenfassend lasst uns also festhalten, dass der Zölibat an sich nicht unmenschlich ist und nicht nur heute nicht zeitgemäß ist, sondern es auch noch nie war. Allerdings in keinem abwertenden Sinn. Natürlich ist der Zölibat ein Opfer. Aber ein Opfer, dass ein Mensch bereit ist darzubringen und dadurch nicht selbst zum Opfer wird. Die Entscheidung zum zölibatären Leben wird immer ein ‚entweder oder‘ sein. Aber im Endeffekt spielt das ganze Leben in allen Fragen nach diesem Prinzip und die Wichtigkeit liegt doch darin, dass man sich entscheiden kann.

Deswegen fällt es mir auch sehr schwer, Toleranz gegenüber katholischen Priestern (sind meistens nicht Ordensleute) aufzubringen, die heimlich Frauen oder gar Familien unterhalten, weil sie ihren Priesterberuf nicht aufgeben wollen, gleichzeitig aber auch Frau und Kinder haben wollen. Es ist durchaus möglich als freier katholischer Theologe zu arbeiten oder weiterhin als Seelsorger etc. in Gemeinden tätig zu sein, sollte man sich plötzlich verlieben oder erkennen, dass das zölibatäre Leben eben doch nicht machbar für einen ist. Sogar Begräbnisse kann man in dieser Funktion abhalten. Es liegt keine Schande darin, den Zölibat nicht leben und einhalten zu können, aber es liegt sehr wohl ein bitterer Beigeschmack im Mund, wenn man in diesen Fällen nicht konsequent ist. Mit sich selbst, mit der Frau mit der Mann eine Beziehung unterhält, mit der Gemeinde…

Ein Leben ohne Sex ist in jedem Fall möglich und nicht nur ein frommes, sondern auch ein gelebtes Ideal. Die Kirche hat immer wieder nach einer Sprache über Sexualität gesucht und diese im Laufe des zweiten Vatikanums und seinen Entwicklungen danach auch für Menschen von heute gefunden. Viele wissen darüber nur noch gar nicht Bescheid. Der Zölibat, der Wunsch danach, entstand und entsteht nicht durch Askese, sondern durch Liebe. Diskussionen über so etwas unfassliches und ‚grundloses‘ wie Gott und Glaube sind immer schwer und genauso verhält es sich auch mit den Dingen, die in diesem Zusammenhang stehen, wie eben auch dem Zölibat. Was der Zölibat braucht ist, so denke ich, mehr Reflexion und weniger Diskussion.

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Über confidentcontradiction

Ich studiere Theologie und schreibe darüber in der Reihe "Aus dem Leben einer Theologiestudentin". Nein, das ist kein Scherz. Gott sei mit euch :-) Damit wäre alles gesagt ;-)

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