WG-Geschichten [Teil 5] - 180 Minuten unter Ameisen
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Wenn Prokrastiantion zu weit geht und man sich plötzlich als König der Ameisen wieder findet nur weil ein Keks auf dem Tisch lag

WG-Geschichten [Teil 5]: 180 Minuten unter Ameisen – Wenn Prokrastination ausartet

 

Kathi und ich müssen beide eine Hausarbeit schreiben. Um mich zu motivieren, lege ich mir einen Keks auf den Schreibtisch, den ich nach der ersten vollgetippten Seite verspeisen darf. Ich rufe Word auf und esse den Keks. Das bemerke ich aber irgendwie erst, als er schon komplett meine Speiseröhre passiert hat.

Nagut, den zweiten Keks gibt es aber wirklich erst, wenn die erste Seite geschrieben ist. Voller Elan starre ich die Tastatur an. Da werde ich von einem schwarzen Fleck abgelenkt, der hastig über das K krabbelt. Ihm folgen weitere schwarze Flecken.

Der Keks hat Ameisen angelockt

Irgendwo in meinem Hirn schreit eine einzelne mutige Synapse, dass ich die Eindringlinge loswerden sollte, bevor sie anfangen, sich heimisch zu fühlen, doch die wird ignoriert. Interessiert sehe ich den fleißigen Insekten bei der Arbeit zu. Immer mehr von ihnen stürmen meinen Keks, bis sie darauf schließlich eine eigene Zivilisation gründen.

Geschrieben habe ich noch nichts. Ich frage mich, ob ich das Thema meiner Arbeit zu einer ethnologischen Studie über kommunale Ameisengesellschaften ändern kann. Dann erinnere ich mich daran, dass ich Buchwissenschaften studiere und freue mich wieder einmal, eine Ausbildung gewählt zu haben, die mich für den Arbeitsmarkt so wertvoll macht.

Weil die Ameisen jetzt darauf wohnen, kann ich den Keks natürlich nicht mehr als Anreiz nehmen. Es war mein letzter.

„Kathi, ich geh Kekse kaufen!“, plärre ich durch die Wohnung. „Kommst du mit?“

Das konzentrierte Tippen aus Kathis Zimmer setzt nur für einen kleinen Moment aus.

„Nein danke“, folgt dann ihre Antwort. „Ich muss Hausarbeit schreiben.“

Manchmal hasse ich Kathi ein bisschen

Ich komme mit einer Packung Triple-Chocolate-Macadamia-Salzkaramell-Cranberry-Keksen wieder zurück, außerdem mit drei Tafeln Schokolade, Tiefkühlhimbeeren, zwei Packungen Toast, einer Avocado und einem Bündel Pak Choi, obwohl ich gar nicht weiß, was das ist, aber es war im Angebot und es sieht gesund aus. Aus Kathis Zimmer klingt immer noch rhythmisches Tippen.

Seufzend setze ich mich wieder vor den PC und platziere einen der Triple-Chocolate-Macadamia-Salzkaramell-Cranberry-Kekse neben mir. Ich schreibe meinen Namen oben auf die Seite. Ich versuche mich an den Titel meiner Arbeit zu erinnern, den ich mit meiner Dozentin in einer langwierigen Sitzung abgesprochen habe. Ich hatte einen großartigen Vorschlag:

Hitlers Bücher“, breite ich meinen Titel vor ihr aus. „Glauben Sie mir, das wird ein Knüller.“

Ich ernte einen zweifelnden Blick

„Das scheint mir ein wenig unspezifisch“, lautet die wenig enthusiastische Antwort und ich ärgere mich über diese universitäre Kleinkariertheit.

Apocalypse Buch!“, schlage ich daraufhin vor. Ist schon verrückt, wie kreativ ich spontan sein kann. Die Details muss man später festlegen, sonst beschneidet man bloß das Genie.

„Der Titel scheint mir reißerisch“, widerspricht die Dozentin. „Außerdem haben Sie bloß fünfzehn Seiten. Ich würde ja ein Thema aus meinem eigenen Forschungsfeld vorschlagen …“

Der Rest verliert sich in weißem Rauschen.

Ich könnte bei meiner Dozentin anrufen und nachfragen. Aber das wäre selbst mir peinlich.

„Bücher“, tippe ich. „Die heimlichen Mörder?“ Ja, das klingt viel versprechend. Das ist zwar noch nicht ganz eine Seite, aber ich finde dennoch, ich habe mir einen Keks verdient. Als ich nach meinem Triple-Chocolate-Macadamia-Salzkaramell-Cranberry-Cookie greife, muss ich feststellen, dass die Ameisen ihn bereits kolonialisiert haben.

„Du solltest etwas gegen sie unternehmen!“, schreit die einsame Synapse.

Ich gehe in die Küche und hole die restlichen Kekse. Was wohl passiert, wenn ich noch einen dazu lege? Fasziniert beobachte ich, wie die Ameisen-Zivilisation sich weiter ausdehnt.

Als Kathi eine Stunde später ins Zimmer kommt, guckt sie mich komisch an.

Herrscherin von Ameisenien

„Is‘ was?“, frage ich.

„Warum trägst du eine Krone aus Krepppapier und dein Nachthemd als Cape? Und was hast du da in der Hand? Ist das ein … ?“

„Das ist mein Zepter!“, erkläre ich. „Ich bin ihre Königin und sie meine loyalen Untertanen.“

„Ameisen!“, ruft Kathi.

„Das sind die treuen Bürger von Ameisenien“, korrigiere ich. „Sie zahlen ihre Steuern in Kekskrümeln.“
„Ich wollte dich fragen, ob du Mittagessen …“

„Ich kann nicht, ich habe einen Staatsstreich geplant, der meinen größenwahnsinnigen Minister entmachtet und mir mehr Kompetenzen sichert.“

„Das kann gar nicht gut gehen“, grummelt die Synapse, die ihre metaphorischen Arme vor der Brust verschränkt hat. „Aber mich fragt ja niemand.“

„O … kay“, sagt Kathi. „Dann wünsche ich viel Erfolg.“

Kathi verlässt das Zimmer rückwärts, während ich meinen Untertanen ihre neuen Pflichten verkünde, die unter anderem dreimal täglich einen Gottesdienst zu meinen Ehren verlangen.

Als Kathi nach etwa einer Stunde wieder bei mir reinschaut, runzelt sie die Stirn.
„Warum sitzt du unter deinem Schreibtisch?“, fragte sie.

„Weil ich Opfer meines eigenen Größenwahns wurde“, flüstere ich, damit mich die Ameisenwachen nicht hören. „Sie haben eine Revolution angezettelt, als ich die Steuern auf den Karamell- und Macadamiaabbau drastisch erhöht habe.“

Ich deute nach oben. Auf den kolonialisierten Keksen brennen noch immer vereinzelte Feuer. „Du musst mir helfen, sie wollen mich aufs Schafott schicken.“

Kathi rollt mit den Augen

„Warte kurz.“

Sie verschwindet und als sie zurück kommt, hat sie Charlotte im Schlepptau, die einen Hammer in der Hand hält.

„Was habt ihr vor?“, frage ich entsetzt. „Was … ?“

Aber weiter komme ich nicht, bevor Charlotte mit ohrenbetäubendem Lärm über Ameisenien herfällt, bis von den Keksen und ihren Bewohnern nur noch Krümel übrig sind. Erst als alles wieder ruhig ist, wage ich mich unter dem Tisch hervor.

„Du hast sie vernichtet“, flüstere ich. „So viel Tod. So viel Zerstörung.“

Ich sehe meinen ehemaligen Minister in den Trümmern liegen und setze eine grimmige Miene auf. Er hat es nicht anders verdient. Ein plötzliches Rauschen kündigt den Staubsauger an. Ich salutiere, als Kathi die Überreste einer einstmals stolzen Zivilisation wegsaugt.
„Semper fi!“

„So, jetzt setzte ich mich wieder an meine Arbeit“, sagt Kathi. „Ich bin erst auf Seite acht!“

„Alles klar bei dir?“, fragt Charlotte etwas besorgt. Ich nicke.

„Bitte nicht“, flüstert die einsame Synapse.

„Klar“, sage ich. „180 Minuten unter Ameisen: Aufstieg und Fall eines Reiches. Scheiß auf die Hausarbeit, das wird ein Bestseller!“

Bild: pixababy

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Über Mairce H. Asé

Mairce H. Asé lebt in Mainz, wo sie dem glamourösen Leben einer studierten Vollzeitgeisteswissenschaftlerin frönt. Manchmal verläuft sie sich in den zweiunddreißig Zimmern ihrer Villa und muss von ihrem Wollschwein Bert gerettet werden. Wenn sie den wichtigsten Menschen in ihrem Leben, den Laptop, gerade findet, verfasst sie darauf Texte für andere Vollzeitgeisteswissenschaftler.

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