WG-Geschichten [Teil 6]: Campus-Parkour | StudiBlog
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WG-Geschichten [Teil 6]: Der Campus-Parkour

WG-Geschichten [Teil 6]: Morgens halb zehn in Deutschland: Campusparkour

Verschlafen latsche ich über den Campus

Meine Bewegungen sind komplett automatisiert. Dem Flyertypen links ausweichen, der überdrehten Flyertrulla rechts ausweichen, dem verlockenden Kaffeeduft aus der Bäckerei widerstehen, weil der Becher 3,50€ kostet und ich noch genau 45 Cent und einen Autoscooterchip in meinem Portemonnaie habe. Den Radfahrern ausweichen, denen auf dem Radweg zu viele Fußgänger sind, die Schlange vor dem Geldautomaten neben der Bäckerei umkurven und dann Flyerverteiler Nummer drei konsequent ignorieren, während ich mich mühsam an ihm vorbeischieben muss, weil er sich strategisch an der engsten Stelle des Wegs postiert hat. Da dringt der Anblick von Gummibärchen durch den Dunst meiner Müdigkeit. Ich sehe sie, ich will sie.

Ich begreife zu spät, dass ich in eine Falle getappt bin

„Hi!“, grinst mich ein Typ im Poloshirt an, der für diese Uhrzeit unangenehm wach zu sein scheint. „Möchtest du ein Zeitungsabo abschließen?“ Hat der grade mit Daumen und Zeigefinger eine Pistole imitiert und auf mich gezeigt? Ich bin zu perplex um laut NEIN! zu schreien und das nutzt der fleischgewordene Teleshoppingmoderator vor mir gnadenlos aus. „Die ersten drei Exemplare sind sogar gratis!“

Ich sage mir, dass ich einfach nur die Gummibärchen zurücklegen brauche, dann kann ich meines Wegs gehen. Aber irgendetwas in mir weigert sich, gratis Süßigkeiten so leicht aufzugeben. Ich stopfe die Tüte in meine Hosentasche und greife nach der Nächsten. „Hm?“, frage ich mit einem Hauch von Interesse und erwische den jungen Mann damit ganz offensichtlich auf dem falschen Fuß. „Echt jetzt?“, fragt er verdattert. Ich nicke, während ich nebenbei ein Knoppers vom Süßigkeitenteller fische. Jetzt gibt es kein zurück mehr. Ich visiere das Duplo an. „Klaro“, behaupte ich. Als er den ersten Schock überwunden hat, tritt der Glanz einer in Reichweite gerückten Provision in seine Augen. Hastig kramt er ein Formular heraus und hält es mir unter die Nase.

Duplo: check

Wenn ich jetzt noch das Maoam ergattern kann, bin ich zufrieden gestellt. „Dann brauche ich deinen Namen hier“, erklärt er. „Deine Adresse da, deine Kontonummer da, hier deine Einwilligung, dass deine Daten an unseren Sitz in den Philippinen und dessen jeweilige Tochterfirmen sowie einem ausgesuchten Kreis von Kreditkartenbetrügern weitergegeben werden, und deine Unterschrift hier. Dann dort noch ein paar anonyme Angaben für unsere Statistik.“

Er reicht mir einen zweiten Zettel, der mir in vertrauenswürdigem Fettdruck versichert, dass diese Angaben keine Rückschlüsse auf meine Person zulassen. „Geschlecht“, lese ich. „Alter, höchster Bildungsabschluss, Einkommen, Familienstand, politische Einstellung, Ruhepuls, Blutgruppe, Nierenbeschwerden ja/nein, Körbchengröße/Penislänge (Unzutreffendes bitte durchstreichen), Fetisch (Mehrfachnennung möglich), Intelligenzquotient. Hmkay.“

Ich fülle alles aus und während mein Gegenüber den anonymen Zettel an das Formular mit meinem Namen und meiner Adresse drauf heftet, schnappe ich mir das Maoam. „Dann noch einen schönen Tag“, wünscht er mir. „Jau“, erwidere ich und gehe. Während ich an meinem Knoppers kaue, stellt sich ganz langsam das Gefühl ein, dass grade etwas sehr Ungutes passiert ist. Aber hey! Gratis-Süßigkeiten!

Bild: unsplash

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Über Mairce H. Asé

Mairce H. Asé lebt in Mainz, wo sie dem glamourösen Leben einer studierten Vollzeitgeisteswissenschaftlerin frönt. Manchmal verläuft sie sich in den zweiunddreißig Zimmern ihrer Villa und muss von ihrem Wollschwein Bert gerettet werden. Wenn sie den wichtigsten Menschen in ihrem Leben, den Laptop, gerade findet, verfasst sie darauf Texte für andere Vollzeitgeisteswissenschaftler.

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