Ist das Bio oder kann das weg? - eine realistische Einschätzung
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Ein Blatt mit Tabletten darauf als Sinnbild für die Frage nach Bio

Ist das Bio oder kann das weg?

Wusstest du eigentlich, dass Chemie prinzipiell tödlich ist und Bio selbst Tote wieder zum Leben erwecken kann?  Falls du spontan verwirrt bist, herzlichen Glückwunsch, denn dann besitzt du gesunden Menschenverstand.

Falls du jetzt jedoch mit leicht erhöhtem Blutdruck die ersten Demoplakate kreierst, schafft es dieser Artikel eventuell, dass du in dieser Welt aus Schwarz und Weiß deine persönliche Grauzone entdeckst.

Zunächst möchte ich etwas über den Hintergrund berichten. Ja, wieso sitze ich hier und verfasse leicht sarkastische Aussagen über den Unterschied zwischen Chemie und Bio, genauer zwischen biologischen/natürlichen und chemischen „Heilungsmethoden“?

Ich bin nicht nur Bio-Studentin, sondern auch chronisch krank. Das ist insofern eine coole Kombination, als das ich nicht nur die harten Medis schlucken muss, sondern auch verstehe, was sie da in meinem Körper anrichten. Der Bonus an der Sache sind die zwar gut gemeinten, mich jedoch immer wieder zur Verzweiflung treibenden Aussagen von Bekannten. Diese sollen im Grunde folgendes ausdrücken: „Du bist doch Biologin, wieso tust du dir das an und schluckst so viel Chemie? Das kann doch gar nicht gut sein. Du müsstest es doch besser wissen!“.

Selbst in der Selbsthilfegruppe auf Facebook, in der alle die gleiche Krankheit haben, lese ich immer wieder Kommentare wie: „Mir geht’s zwar richtig scheiße. Aber die kack Chemie, die mir mein Arzt verschrieben hat, will ich nicht nehmen. Kennt jemand pflanzliche Alternativen?“ Obwohl sie alle wissen, wie unangenehm und lebensbedrohlich die Situation ohne Medikamente werden kann.

Auch hier bekomme ich jedes Mal gefühlt Hirnblutungen. Das liegt aber nicht etwa daran, dass ich Pharmareferentin bin und einen heimlichen Pakt mit dem Teufel habe.

Ich will hier absolut nichts gegen alternative Heilungsmethoden sagen, was auch immer diese beinhalten mögen. Was mir jedoch auf die Nerven geht, und was ich aus diesem Grund einfach mal ansprechen muss, ist die Panikmache vor der ach so widerwertig bösartigen Chemie.

Was verstehst du unter Chemie?

Auf die Nachfrage hin, was denn ihrer Meinung nach Chemie sei, sehe ich oft in ahnungslose Gesichter. Die Zahnrädchen rattern und quietschen, das Hirn qualmt und das Ergebnis ist eine stotternde Bekundung, dass man es zwar nicht genau wisse, aber es auf jeden Fall nicht natürlich sei.

Oft fällt dann das Beispiel Antibiotikum. Antibiotika sind wirklich furchtbar chemische und böse Mittel und in der Natur niemals zu finden. Die können ja gar nicht gut sein, wenn man davon Durchfall und Bauchschmerzen bekommt. Ich bin fest davon überzeugt, dass die meisten Leser zum Glück wissen, dass Antibiotika ursprünglich in Mikroorganismen entdeckt wurden und somit in ihren Grundzügen durchaus natürlich sind. Eine Antibiose tötet Bakterien und im Darm befinden sich Bakterien, da kann es schon mal zu kleinen Problemchen mit dem Popöchen kommen.

Was die Verfechter der oben genannten These aber eigentlich mit chemisch meinen, ist alles, was nicht von Pflanzen gemacht wurde. Denn Pflanzen sind grün, Pflanzen sind nett und vor allem Bio – ungefährlicher als Pflanzen geht gar nicht.

Was diesen Zeitgenossen aber entgeht: viele der therapeutisch wirksamen Pflanzenstoffe, stellt die Pflanze nicht her, weil sie die Menschheit so liebt und uns gerne helfen würde. Das Gegenteil ist der Fall!

Von Kaffee und Kirschen

Als Beispiel soll uns Kaffee dienen. Wie könnte man Kaffee mit Chemie in Verbindung bringen? Riecht gut, schmeckt gut und macht wach. Wow, was für ein super Getränk. Gedankt sei der Pflanzengattung Coffea. Die wachmachende Substanz ist Coffein – das ist natürlich allseits bekannt. Die Pflanze stellt diesen Stoff nicht her, weil sie die Menschheit lieber ausgeschlafen mag, sondern, weil sie eigentlich nicht gegessen werden möchte. Coffein ist ein Pflanzenalkaloid, ein Produkt des Sekundärstoffwechsels. Das heißt, die Pflanze braucht es nicht zum Überleben, stellt es jedoch her, um Fressfeinde fern zu halten. Denn Coffein ist giftig. Die Dosis macht das Gift und ein Mensch muss in der Regel schon relativ viel Coffein zu sich nehmen, um ernsthafte Probleme zu bekommen. Potentiell ist Coffein ist aber tödlich.

Ist Coffein nun also Chemie oder nicht?

Weiter geht’s:  Jeder hat doch schon von Tollkirschen gehört und, dass man sie bloß nicht vernaschen sollte, denn sie stellen Atropin her. Atropin ist ebenfalls ein Alkaloid und kann tödlich sein, hat jedoch auch therapeutischen Nutzen. Es ist in der Lage an Acetylcholinrezeptoren der postsynaptischen Membran zu binden und so die Reizweiterleitung der Nerven zu blockieren. Das klingt erstmal gar nicht gut. Es ist jedoch ein super Antidot bei Vergiftungen mit Insektenschutzmitteln, welche auf einer Hemmung der Acetylcholinesterase beruhen. Atropin verursacht außerdem eine Steigerung der Herzfrequenz. Außerdem wurde es früher in der Notfallmedizin bei Bradykardien, sowie bei Reanimation eingesetzt.

Ist Atropin nun also Chemie oder nicht?

Es gibt noch so viele weitere Beispiele, welche uns aber in der Diskussion über die Bösartigkeit der Chemie nicht weiterbringen würden. Festzuhalten bleibt an dieser Stelle jedoch, dass sich die Menschheit die Abwehrmechanismen von unseren Freunden, den Pflanzen, pharmazeutisch zu Nutzen macht.

Wer sich ein wenig mit Medizin und Pharmazie auskennt, wird wissen, dass bei der Entwicklung von Medikamenten häufig nach dem Vorbild der Natur gearbeitet wird und, dass viele Medikamente von Mikroorganismen hergestellt werden.

Ist das Bio, oder kann das weg?

Nur wie soll man jetzt damit umgehen? Was ist denn jetzt noch natürlich und was ist Chemie?

Die Antwort ist gleichermaßen überraschend wie simpel:

Nicht alle Chemie ist natürlich (im engeren Sinne zwar schon), aber alles Natürliche ist Chemie. Es gibt nichts, zumindest ist mir nichts bekannt, das nicht Chemie wäre.

Chemie beginnt bei einzelnen Elementen, die sich miteinander verbinden und so Moleküle bilden. Elemente und Moleküle haben bestimmte chemische Eigenschaften und reagieren so untereinander.

Die Chemie reicht von der anorganischen Chemie über die organische Chemie bis hin zur Biochemie, welche sich mit chemischen Prozessen und dem chemischen Aufbau von Organismen auseinandersetzt. Bio ist also auch nur Chemie auf lebende Organismen angewendet.

Medikamente, der Name macht die Nebenwirkung

Im Grunde ist es dann im weiteren Sinne nicht mal die Angst vor der Chemie, sondern vor dem Namen Medikament. Denn alles, was apothekenpflichtig ist und ein Rezept benötigt, hat zwangsläufig Nebenwirkungen, während Naturstoffe wie Zucker oder Alkohol auf gar keinen Fall zu Diabetes oder einer Fettleber führen können. Der Kater am nächsten Tag ist so gesehen ja auch keine Nebenwirkung dieses völlig un-chemischen, ungefährlichen Naturprodukts. Er möchte lediglich daran erinnern, dass du ausreichend trinken musst. Der Alkohol meint es also eigentlich nur gut.

Zusammenfassung

Es ist demnach völlig hirnrissig alles in Tablettenform als die Ausgeburt des Teufels zu bezeichnen, aber munter und mit völlig reinem Gewissen vom Fliegenpilz abzubeißen. Chemie an sich ist weder gut noch böse, auch Medikamente haben keine moralische Wertung. Natürlich hergestellte Pharmazeutika können dich genauso zwei Meter näher an den Erdmittelpunkt bringen wie synthetisch erzeugte. Genauso macht die Betitelung Medikament einen Stoff nicht zwangsläufig gefährlicher als ein frei verkäufliches Naturprodukt. Bio ist also nicht immer besser und gesünder, Chemie auch nicht immer böse und tödlich. So oder so: Schuld an allem ist doch die Physik.

Über Bienchen

Eine Seele mit Hirn auf der Suche nach dem großen Ganzen und dem Sinn hinter scheinbar unwichtigen Kleinigkeiten mit dem Drang zu Rechtschreibfehlern und der Unfähigkeit Kommas zu setzen

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