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Studenten mit Tüten auf dem Kopf, die mehr / more wollen

Eigentlich wollen wir mehr …

Warmer Sonnenschein wärmt durch die Scheibe hindurch mein Gesicht, Menschen steigen ein und wieder aus, Häuserfassaden ziehen vorbei, während ich mit meinen Kopfhörern auf dem Kopf in der Straßenbahn sitze und dem Song von OK KID lausche, abgeschottet vom Rest der Welt. Die traurig-melancholische Melodie des Songs und die Lyrics haben mich gepackt. „Zu groß für unsere Stadt, doch zu klein für die Welt. Eigentlich, eigentlich eigentlich geht es uns gut, doch wir wollen mehr mehr mehr mehr“, spricht Sänger Jonas genau das aus, was ich seit Wochen fühle und denke.

Ich bin 22 Jahre jung, habe gerade meinen Bachelor in BWL gemacht, eine kleine Wohnung im Studentenviertel, viele Freunde und eine tolle Familie. Eigentlich geht es mir gut, doch glücklich bin ich nicht.

Ich will mehr.

Seit Wochen beschäftige ich mich mit der Frage, wie es nach meinem Studium weitergehen soll und trotz allem Grübeln habe ich noch keine Antwort gefunden. Tag für Tag surfe ich durch Internetseiten, lese Artikel über „Wie man seine Leidenschaft findet“ und schreibe mir Pro- und Contra-Listen für jeden vorstellbaren Job.

Doch will ich überhaupt jetzt schon anfangen zu arbeiten oder soll ich doch besser meinen Master machen? Der MBA wäre ja ne Option. Oder sollte ich erst einmal meine Sachen packen und reisen gehen? Südamerika hat mich ja schon immer gereizt und Reisen ist nie verkehrt. Oder doch erst einmal ein Praktikum machen und Erfahrungen sammeln?

Was ist nur das Beste für mich? Was will ich?

Es sind die zwei Fragen, die nicht nur mich, sondern wie ich durch unzählige Gespräche mit meinen Freunden, Kommilitonen und Bekannten herausgefunden habe, eine ganze Generation beschäftigen. Die Generation junger, top ausgebildeter, schöner und intelligenter Frauen und Männer, die von Amerika bis Zypern schon überall war und von der Fernbeziehung via Skype bis hin zum Bungee-Sprung in jungen Jahren schon vieles erlebt hat.

Wir sind die Generation „Selfie“, „Hashtag“ und „Instagram-Filter“, die nicht das große Geld, sondern den großen Sinn will. Aber wir sind auch die “Generation Ahnungslos”, die irgendwo zwischen Bachelor und Master, sicherem Job und “Sich verwirklichen-Wollen”, Anspruch und Wirklichkeit verloren gegangen ist. Wir sind die Generation, die hinter der Fassade lückenloser Lebensläufe, cooler Selfies und selbstbewusster Facebook-Posts unsicherer ist als je zuvor, was sie mit ihrem Leben anstellen soll – und das obwohl wir mehr Möglichkeiten haben als je zuvor: Alles können wir studieren, von BWL bis hin zu Cruise Industry Management, können alles machen, vom Praktikum bei Audi bis zur Freiwilligenarbeit in Kenia, können alles sein, vom Entrepreneur bis hin zur Blumenverkäuferin. Wir haben so viele Möglichkeiten, so viele Optionen,  so viele Chancen – eigentlich sollte es uns gut gehen, doch irgendwie geht es uns das nicht.

Die große Auswahl macht anstatt glücklich eher rat-und rastlos. Wir sind überfordert mit all den Möglichkeiten, die uns diese Welt bietet und der Druck, eine richtige Entscheidung zu treffen, paralysiert uns überhaupt eine Entscheidung zu treffen. Wie soll man sich denn bei den ganzen Möglichkeiten auch für etwas entscheiden?

Woher sollen wir denn wissen, was das Beste für uns ist?

Immer war unser Weg vorgegeben. In der Schule hieß es von Montag bis Freitag morgens um halb sieben aufstehen, in die Schule gehen, um halb 3 nach Hause kommen, erstmal schlafen, bisschen Hausaufgaben machen, abends Sport und danach ein bisschen Fernsehen. Damit hatten wir einen Tag für alle Beteiligten zufriedenstellend erfüllt. Danach kam dann das Studium, zu dem man sich irgendwie entschieden hat und das einem weitere drei Jahre eine angenehmen Komfort-Zone gab.

Wir hatten unsere Skripte zu lernen, Vorlesungen zu besuchen, Papers abzugeben und Bachelorarbeiten zu schreiben. Termine, Fristen, Säle und Professoren – alles war immer vorgegeben, alles war organisiert und wenn´s mal Fragen gab, hatten die Eltern eine akzeptable Antwort parat. Das Leben war gut, das Leben war einfach. Doch plötzlich sind 16 Jahre schulische Ausbildung vorbei und obwohl wir uns jetzt Akademiker nennen dürfen, fühlen wir uns nicht schlau genug, um entscheiden zu können, was wir mit unserem Leben anfangen soll.

Wir müssen nun zum ersten Mal die komplette Verantwortung für unser eigenes Leben übernehmen und eigene, vielleicht lebensverändernde Entscheidungen treffen. Das macht uns Angst. Wir bekommen Angst die falschen Entscheidungen zu treffen und am Ende alles zu bereuen. Deshalb versuchen wir alle Unwägbarkeiten und alle  möglichen Szenarien durchzugehen. Immer und immer wieder.

Wir denken intensiv über alles nach, informieren uns und denken noch mehr nach.

Wir fragen Freunde, Kollegen und die Familie, um Rat, aber jeder Rat verunsichert uns mehr. Da ist der Papa, der uns zum Berufseinstieg rät, „denn so eine Möglichkeit, lässt man sich nicht so einfach entgehen“, da ist der Nachbar, der uns rät den Master dran zu hängen, denn „ein Bachelor ist doch heutzutage nichts mehr wert“ und da ist der ältere Bruder, der uns ermutigt ins Ausland zu gehen und zu reisen, denn „nichts bildet dich mehr als reisen.

Und zwischen all diesen Ratschlägen, sind da noch unsere ganz eigenen Träume wie zum Beispiel einen VW-Bus kaufen und alle europäischen Hauptstädte bereisen, unser eigenes kleines Online-Business aufzubauen oder als Physiotherapeut anzufangen. „Jaaa man, warum nicht einfach meinen Träumen folgen?!“, sprechen wir uns an einem Tag mutig zu und verlieren am nächsten schon wieder den Glauben daran, wenn die Eltern uns mit Worten „bleib mal auf dem Boden und mach was Vernünftiges“ in die Realität zurückholen.

All die Informationen, all die  Ratschläge, all die Gedanken in unserem Kopf verwirren uns mehr, als sie uns helfen. Anstatt einem Schritt nach vorn, machen wir zwei Schritte zurück und werden von Tag zu Tag unsicherer. Sollen wir nun einen Job machen, der uns glücklich macht, aber von dem wir nicht leben können oder wäre ein vernünftiger Job mit gutem Gehalt nicht doch die bessere Lösung?

Wir wissen es nicht und immer, wenn wir uns fast entschieden haben, finden wir doch noch einen Haken.

Da wir  uns bei keiner Möglichkeit zu 100% gut fühlen, entscheiden wir uns  letztlich meist für die einfachste und sicherste Variante. Die Variante die von uns erwartet wird – von Eltern, Freunden, oder schlichtweg von der Gesellschaft. „Safety first, risk last“, lautet die Devise. So richtig gut fühlen wir uns dabei auch nicht unbedingt, aber denken „ach egal, ich kann ja später immer noch mal schauen, was sich so ergibt. Hauptsache, ich habe jetzt eine Entscheidung getroffen“. Dass diese Entscheidung nicht wirklich unsere eigene war, wird uns gar nicht bewusst. Und so enden wir in einem Zustand in dem wir eigentlich alles haben, es uns eigentlich gut geht, wir aber doch nicht zufrieden sind. Wie singt OK KID so passend:

„Eigentlich, eigentlich eigentlich geht es uns gut, doch wir wollen mehr mehr mehr mehr“, wenn wir nur wüssten was dieses mehr ist….

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